Ludewig, P.: Der Einfluß meteorologischer Faktoren auf die drahtlose Telegraphie. II. 9243
die durch die Sonnenbestrahlung geliefert werden. Es ist nicht möglich, über
diesen Gegenstand genaue Angaben zu machen, nicht einmal für die untere Atmo-
sphäre. Aber in großen Zügen ist es klar, daß sich der Wert von n (d.h. der Anzahl
der Ionen im Kubikzentimeter, d. Verf.) in der unteren und mittleren. Atmosphäre
beträchtlich mit der Neigung der Sonnenstrahlen am Beobachtungsorte ändern
muß, d. h. mit der Jahreszeit und mit der Tageszeit und daß er sich ferner vom
Tageslicht bis zur Dunkelheit gründlich ändern muß. Ungefähr zur Zeit des Sonnen-
aufgangs an irgendeinem bestimmten Orte wird der Vorgang der Ionisierung durch
die Sonnenstrahlen in allen Höhen der Atmosphäre in einem Gebiet, das sich viele
Meilen weit nach Osten oder Westen von diesem Orte erstreckt, gerade erfolgen:
Bei Sonnenuntergang wird in einem ähnlichen Raume die Wiedervereinigung von
Ionen stattfinden. Natürlich werden die der Erde zunächst gelegenen Schichten
in ihrer elektrischen Konstitution am wenigsten gestört werden, und zwar haupt-
sächlich aus dem Grunde, daß die Sonnenstrahlen zu der Zeit, da sie die tiefen
Schichten erreichen, eines großen Teiles ihrer ionisierenden Fähigkeiten entkleidet
sein müssen. — — — Unsere Kenntnisse von den in den Stunden der Dunkelheit
herrschenden Bedingungen sind noch weniger genau als die von den bei Tage geltenden.
Die sehr große Wiedervereinigungsgeschwindigkeit der Ionen nach Beseitigung des
ijonisierenden Agens weist auf die Möglichkeit hin, daß die mittlere Atmosphäre
während der Dunkelheit frei von Ionen ist. Es ist aber wahrscheinlich, daß während
des Tages die entgegengesetzt geladenen Ionen unter der Einwirkung des vertikalen
Erdfeldes. stark voneinander gesiebt werden, dergestalt, daß sich positive Ionen
aufwärts und negative abwärts bewegen; das Ergebnis hiervon wird sein, daß einige
Teile der mittleren Atmosphäre ionisiert bleiben können, nachdem die Sonne unter-
gegangen ist. Wenn wir indessen annehmen, daß sich die Ionen zum größten Teil
wieder vereinigen, so besteht die Wirkung des Überganges von Tag zu Nacht darin,
sozusagen einen Schleier ionisierter Luft zwischen der oberen leitenden Schicht
und der Erde fortzuziehen.‘“
„Da die Geschwindigkeit der Wellen in der von der Sonne beschienenen
Atmosphäre um so größer ist, je höher die Schicht liegt, in der sie fortschreiten,
so wird ein Strahl elektrischer Strahlung, der von einem Punkte auf der Erdober-
fläche in einer etwas aufwärts geneigten Richtung ausgeht, in der unteren Atmosphäre
eine geradlinige Bahn ‚verfolgen und in der mittleren Atmosphäre eine ein wenig
gekrümmte Bahn, deren konkave Seite abwärts gewandt ist, er wird somit in größerem
oder geringerem Maße der Krümmung der Erde folgen. Wenn seine Krümmung
in der mittleren Atmosphäre im Durchschnitt größer ist, als die Krümmung der
Erde — und nur dann — wird der Strahl abwärts, der unteren Atmosphäre zu-
gewandt werden und wiederum eine gerade Linie durchlaufen. Mit anderen Worten:
Die Wellenfronten werden bei ihrem Fortschreiten in einer Weise vornüber geneigt
werden, die der Brechung des Schalls in der Luft bei nach oben sich ändernder
Temperatur ganz analog ist. — — — Somit werden die Strahlungen, die von einer
Antenne für drahtlose Telegraphie aus nach allen Richtungen divergieren, bei Tage
auf den Raum zwischen der leitenden Oberfläche der Erde und einem gewissen
Niveau in der mittleren Atmosphäre beschränkt werden.‘‘
„Die beiden Annahmen, auf die wir bisher die Diskussion ausgebaut haben,
sind folgende: Erstens haben wir angenommen, daß in der Atmosphäre eine beständig
leitende obere Schicht besteht, die ziemlich scharf begrenzt ist und die daher Wellen
jeglicher Frequenz reflektiert; wir können sie als Heavisidesche reflektierende Schicht
bezeichnen. Zweitens haben wir angenommen, daß bei Tage die Atmosphäre unter-
halb dieser reflektierenden Schicht in nahezu horizontalen Lagen in der Weise ionisiert
ist, daß die Ionisierung in dem Maße abnimmt, wie wir uns der Erdoberfläche nähern;
das Ergebnis würde sein, daß elektrische Wellen eine gekrümmte Bahn erhalten
und die Heavisideschicht außer Wirksamkeit gesetzt wird.“ .
„Was die Nachtsignale anlangt, so werden lange und kurze Wellen durch
die untere und die mittlere Atmosphäre geradlinig bis zu großen Höhen fortgepflanzt
und in der Heavisideschicht reflektiert; sie steigen dann wieder zur Erde herab,
nachdem sie eine verhältnismäßig geringe Absorption erlitten haben.‘“*) ©
1} Nach einer Übersetzung von M. Ik1€ im »Jahrbuch der drahtlosen Telegraphie und Telephonie«