Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1915.
der die Ostsee, die Sunde und das Kattegatt zeitweise überfroren und mit einer
starken Eisschicht bedeckt waren, welche in gewissen Wintern von Fußgängern
und Wagen benutzt werden konnte. Dies ereignete sich am häufigsten im 13., 14. und
15. Jahrhundert, hörte aber auf im 16. Jahrhundert. In den letzten 250 Jahren ist
die Ostsee nicht mehr zugefroren.‘‘ Pettersson fügt noch hinzu, daß hieraus nicht
notwendigerweise auf eine mildere Wintertemperatur in den letzten Jahrhunderten
geschlossen werden brauche (wenn dies auch wahrscheinlich sei), sondern das
Gefrieren der Ostsee sei durch hydrographische Änderungen veranlaßt, indem infolge
erhöhter Intensität der ozeanischen Zirkulation eine Hebung der salzreichen Unter-
schicht der Ostsee und damit eine Abnahme der salzarmen Deckschicht eingetreten
wäre. Die Hebung der Unterschicht um 10 bis 15 m würde genügen, um auch heut-
zutage noch die Ostsee in strengen Wintern auf weite Erstreckungen gefrieren zu
lassen, da die Deckschicht alsdann so verringert sei, daß sie durch Konvektion bis
zum Gefrierpunkt abgekühlt werden könnte.
Die Darlegungen Petterssons haben viel für sich, es fragt sich nur, ob die
historischen Daten genügend einwandfrei und eindeutig sind, um mit Sicherheit
eine größere Vereisung der Ostsee im 13. bis 15. Jahrhundert als zur Jetztzeit
annehmen zu können. Wenn man z. B. berücksichtigt, daß die Schlachten in früheren
Jahrhunderten der Mittelpunkt der Geschichtsschreibung waren, und weiß, wie
schwierig es für den kritischen Geschichtsforscher heute ist, aus den verschiedenen
Berichten ein einigermaßen zuverlässiges Bild der vor Jahrhunderten sich ab-
spielenden Ereignisse zu gewinnen, da Übertreibungen und Verzerrungen an der
Tagesordnung sind,!) dann wird man auch Erzählungen alter Chroniken über unge-
wöhnliche Naturereignisse nur mit viel Kritik betrachten. Es ist auch heutzutage
ja noch so, daß Überlieferungen von Mund zu Mund stets vergrößert und aus-
geschmückt werden, um Eindruck auf den Zuhörer zu machen — am zuverlässigsten
ist daher stets die Quelle, die den Beobachter selbst zum Verfasser hat.
Pettersson stützt sich in seiner Arbeit bei der Behandlung der Eisverhältnisse
der Ostsee vielfach auf Mitteilungen, die ihm Kapitän Speerschneider vom
Dänischen Meteorologischen Institut zur Verfügung gestellt hatte, die aber s. Zt.
noch nicht veröffentlicht waren. Pettersson führt in seiner Arbeit nur einige
Beispiele schwerer Eisjahre an, das ausführliche Material, die Jahre 690 bis 1860
umfassend, ist erst jüngst von Speerschneider veröffentlicht und kritisch bearbeitet
worden.?) Es ist daher von Interesse zu sehen, zu welchen Schlüssen Speerschneider
hinsichtlich einer Änderung der KEisverhältnisse in den letzten Jahrhunderten
kommt.
Der Verfasser versucht zuerst einen Überblick über die Zuverlässigkeit der
alten Berichte zu gewinnen. Bei nur flüchtiger Betrachtung der alten Schilderungen
über die Eisverhältnisse der Ostsee hat man allerdings den Eindruck, daß diese
früher ganz anders waren als zur Jetztzeit. Speerschneider führt nun aber eine
Reihe von Fällen an, die auch aus den letzten Jahrhunderten Ähnliches melden
wie die Berichte des Mittelalters. So ist noch in den Jahren 1893 und 1895 ein
Überschreiten des eisbedeckten Sundes möglich gewesen, im Jahre 1709 sind zwei
Leute Mitte März von Bornholm nach Schweden über das Eis gegangen und auf
demselben Wege zurückgekehrt, und vom Jahre 1838 wird berichtet, daß ein Mann
von Bornholm nach Schweden und ein anderer über das Eis nach Rügen gelangt
sei. Auch 1893 würde dies wahrscheinlich möglich gewesen sein, wenn nicht neuer-
dings der Dampferverkehr das Eis aufbräche, da in diesem Jahr im Sund das Eis
eine Dicke von 100 cm erreichte, gegen 70 cm im Jahre 1709.
Als die schwersten. Eiswinter nennt Speerschneider die folgenden Winter,
bei denen die Zahlen 1048 usw. stets den Winter 1047/48 usw. bezeichnen:
1045 1269? 1296 1306 1323 1408 1423 1460 1546 159% 1608 1635 1658
1670 1684 1709 23740 1776 1784 1789 1799 21830 21838 1855 21871 1893
Wie kritisch man bei allen Mitteilungen über das Eis vorgehen muß, wird an
zahlreichen Beispielen gezeigt. So „soll‘“ im Jahr 764 das Eis im Schwarzen Meer
230
!) Lehrreiche Beispiele aus allen Jahrhunderten liefert H. Delbrück in seiner »Geschichte
der Kriegskunst«.
2) Om Isforholdene i Danske Farvande i aeldre og nyere Tid (690—1860). Publ. det danske
Meteorologiske Instituut ved €. Ryder. Meddelelser Nr. 2, (Resume in engl. Sprache.)