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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1915,
phagus, Hombron u. Jacq.). Mit Ausnahme der fast schwarzen Schnauze und
Flossen ist das Tier ganz weiß gefärbt, zeigt also eine hochgradige Anpassung in der
Farbe des Felles an seine antarktische Umgebung. Er ist nach den Beobachtungen
Borchgrevinks der mutigste, denn es wurden wiederholt blutige Kämpfe zwischen
diesen Robben gesehen. Seine Nahrung soll vorwiegend aus Krustern bestehen.
Weit seltener ist der ebenfalls die antarktischen Meeresteile bewohnende
Roßseehund (Ommatophoca Rossi, Gray), dessen Schädel auffallend breit
und kurz gebaut ist, Das Tier hat in seiner ganzen Erscheinung, in der Form seiner
langen Vorder- und breiten Hinterflossen etwas
Walfischartiges an sich. Das eigentümlichste
bei dieser Seehundsart ist der dicke Hals und
Nacken. Der Hals ist zu einem förmlichen
Ballon erweitert, unter dem ein eigentümlich
gebauter Kehlkopf zur Erzeugung einer mäch-
tigen Stimme liegt, und der kurze, fast runde
Kopf scheint über diesem großen Halssack zu
verschwinden. Das Gebiß ist ganz eigenartig.
Es wurden von Borchgrevink in seinem
Oberkiefer sechs, in seinem Unterkiefer zwei
Schneidezähne konstatiert. Spuren anderer
Zähne wurden nicht gefunden. Es scheint
hier also eine Spezialisierung für eine be-
stimmte Nahrung bzw. Nahrungsaufnahme vorzuliegen. Ein tieferer Einblick in
diese Anpassungserscheinung ist leider noch nicht gewonnen worden.
Über die nun folgenden bekannten Robbenarten kann ich mich kürzer fassen.
Den Nordatlantischen Ozean, die dänischen und englischen Küsten
sowie unsere Nord- und Ostsee bewohnt die Kegelrobbe (Halichoerus grypus,
Fabr.). Sie besitzt kegelförmige Backenzähne, welche sich ebenso wie die Schneide-
zähne nach hinten umbiegen, Dieser eigenartige Zahnbau soll seine Erklärung durch
ihre Nahrung finden, die außer in Fischen auch in Krabben und Seesternen usw.
besteht. Eine cirermpolare Verbreitung hat die Bartrobbe (Erignathus bar-
bata, Fabr.), deren Mittelfinger der Vorderflossen von auffallender Länge
ist. Sie ist durch eine Menge glattrandiger Schnurrborsten, die ihr den Namen ein-
gebracht haben, ausgezeichnet. Welchen biologischen Wert diese sicher auch als
Anpassungsfaktoren zu deutenden Merkmale haben, ist unbekannt. Sie ist sehr scheu
und hält sich weit von den Küsten entfernt zwischen den Eisfeldern auf.
Der echte Seehund (Phoca vitulina, L.) findet sich vom Eismeer an
fast überall an den europäischen Küsten und ist in unserer Nord- und Ostsee, nament-
lich in der ersteren, heimisch. Auch bei ihm stehen
die Backenzähne schräg. Von ihm wurde eine Sub-
spezies als Phoca vitulina concolor, De Kay
beschrieben, die im atlantischen Teil der ameri-
kanischen Arktis vorkommt und bei New Jersey
beobachtet wurde. Eine verwandte Art ist die im
Ochotskischen Meere lebende Phoca ochotensis,
Pallas, von der eine Unterart von Alaska und
Kamtschatka beschrieben wurde. Es ist Phoca
ochotensis macrodens, Allen. Im Behrings-
meer sowie an den Küsten Kamtschatkas lebt noch Phoca stejnegeri, Allen.
Den echten Phociden schließt sich die Grönlandsrobbe (Pagophoca
groenlandica, Fabr.) an. Ihrer eigenartigen Zeichnung des Rückens halber wird
sie auch Sattelrobbe genannt. Sie hält sich im Frühling zur Zeit der Fortpflanzung
in großen Scharen in dem Eise zwischen Spitzbergen und Grönland auf. Alle diese
Robben sind gewaltige Fischvertilger, die durch ihre mehrspitzigen Backenzähne
ausgezeichnet zum Fange der Fische befähigt sind.
Am Schlusse meiner Betrachtungen lasse ich die Ringelrobbe (Pusa his-
pida, Schreber) folgen. Sie bewohnt den arktischen Ozean, findet sich aber
auch in unseren Meeren. Ihre Backenzähne stehen in der Richtung der Kiefer. Statt