Sokolowsky, A.: Einiges über Robben und ihre Anpassungen an den Wasseraufenthalt. 211
, Als weitere Anpassungen an den Wasseraufenthalt sind die verschließbaren
Öffnungen der Nase sowie der Gehörgänge zu erwähnen, welche Vorrichtung das
Eindringen des Wassers verhindern sollen. Die Ohrmuscheln sind nur bei den Ohren-
robben oder Seelöwen in rudimentärer Ausbildung vorhanden, bei den übrigen
Robben fehlen sie gänzlich, da, wie Schmeil sagt, das Wasser den Schall weit besser
leitet als die Luft, und da die Schallwellen dem inneren Ohre durch den ganzen
Körper übermittelt werden.
Entsprechend den Anpassungen der Organisation an den Wasseraufenthalt
haben auch die Lebensgewohnheiten dieser Tiere ein ihrem Lebensbezirk ent-
sprechendes Gepräge angenommen. Obwohl diese Tiere dem Wasserleben außerordent-
lich angepaßt sind, sind sie dennoch gezwungen, zur Fortpflanzungszeit geraume Zeit
ihren Aufenthalt auf dem Lande bzw. auf dem festen Eise zu nehmen. ‚Gerade wie
sich zur Brutzeit die nordischen Vogelberge mit den Schwärmen unzählbarer Lummen,
Alken, Möwen und Sturmvögel bedecken, sagt Hentschel, so sammeln sich zu
vielen Tausenden die Robben auf entlegenen Eisflächen oder einsamen Felsen-
eilanden an, um ihre Jungen zu gebären und sich bald danach aufs neue zu begatten.
Mächtig ergreift sie im ersten Frühling der Trieb zur Fortpflanzung und ein tief
eingewurzelter Instinkt weist ihnen die Wege zu jenen oft weit entlegenen ‘Ver-
sammlungsplätzen, wo sich das überaus großartige Schauspiel ihres Gattungslebens
vollzieht.“ Bei diesen Wanderungen legen sie oft gewaltige Entfernungen zurück
und lassen sich dabei von einem ausgezeichneten Ortssinn leiten. Über das Benehmen
der das Festland für die Zwecke der Fortpflanzung aufsuchenden Robben wurden für
verschiedene Arten eingehende Beobachtungen angestellt. Diesen zufolge erscheinen
die Geschlechter nicht wahllos durcheinander zu gleicher Zeit, sondern vielmehr es
läßt sich zunächst die Ankunft der Männchen, dann der Weibchen konstatieren.
Nach deren Erscheinen wählen sich die Männchen ihren Harem aus der Masse der
Weibchen und halten sich mit diesen während der Fortpflanzungszeit treu zusammen.
Bei der Gattinnenwahl kämpfen die Männchen oft erbittert unter sich, auch lassen
sich .die Weibchen nicht gutwillig zusammentreiben, sondern müssen durch Kampf
erworben werden. Jüngere und schwächere Nebenbuhler werden von den starken
Männchen in grimmer Fehde fortgejagt. Nach der Geburt und einem erneuten
Liebeswerben lösen sich im Herbst diese Fortpflanzungsverbände auf und streben
die Tiere wieder dem Meere zu, um die Rückwanderung nach dem Süden, vereint
mit den herangewachsenen Jungen, wieder aufzunehmen. Da die alten Männchen
während der ganzen Zeit ihres Landaufenthaltes nicht ins Meer gingen, kamen
sie nicht zur Nahrung und mußten während dieser Periode von ihrem eigenen Fett
leben. Auch diese Fähigkeit des Hungerns während der Brunstzeit ist als eine
eigenartige Anpassung dieser Säuger aufzufassen.
Der Geselligkeitstrieb ist bei den Robben sehr ausgeprägt. Innerhalb des
Verbandes herrscht das Recht der Gewalt, des Stärkeren. Da letztere begreiflicherweise
bei den älteren Männchen am ausgebildetsten zu finden ist, so sind diese im allgemeinen
als die Führer der Verbände anzusehen. Namentlich hat man in dieser Hinsicht
ausgezeichnete Beobachtungen bei den Walrossen gemacht. Das Geistesleben der
Robben ist ein beträchtlich hohes. Namentlich sind Seelöwen und Walrosse sehr
intelligent. Bekannt ist ja die ausgezeichnete Dressurfähigkeit dieser Geschöpfe.
Von diesen Tieren werden Dressurleistungen ausgeführt, die geradezu den Beobachter
in Erstaunen setzen. Ich selbst hatte während meiner Berufszeit im langjährigen Ver-
kehr mit Robben zahlreiche Gelegenheit, die hohe Intelligenz dieser Geschöpfe zu
bewundern. Ich habe an anderer Stelle darüber eingehend berichtet. Wenn auch
zugegeben werden muß, daß die Intelligenz dieser Tiere durch ihr Gesellschaftsleben
große Förderung erhält, so darf dabei nicht vergessen werden, daß sie als in das Wasser
gegangene Landraubtiere einen guten Teil ihrer Klugheit von ihren Raubtierahnen
mitbrachten. Mithin beruht der Hochstand ihres Sinnes- und Geisteslebens teils
auf Vererbung, teils auf Anpassung.
Obwohl sich im allgemeinen die hier angeführten Anpassungserscheinungen
bei den einzelnen Familien der Robben wiederholen, lassen sich dennoch bei diesen
nicht unwesentliche Abweichungen nachweisen, die hauptsächlich auf die Gewöhnung
an verschiedenartige Nahrung zurückzuführen sind. Auch spielt das geologische Alter