210 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Mai 1915.
ihre Vermehrung und durch knorpelige Anhänge an Fingern und Zehen bei manchen
Robben. Die Verbreiterung wird herbeigeführt durch Abplattung der Phalangen,
durch größere Spreizbarkeit der Finger- und Zehen- oder, wie bei den Walen, durch
Vermehrung dieser und durch Ausbildung von Schwimmhäuten. Je ausschließlicher
sich Tiere im Wasser aufhalten, um so mehr verlieren ihre Gliedmaßen die Bedeutung
von Stützorganen, denn nun trägt sie ja das Wasser selbst. Nach dem Prinzipe des
Schwimmens der Fische müssen wir nach Reh erwarten, daß sich gerade die Hinter-
beine ihrer neuen Tätigkeit am meisten anpassen und daß sie aus ihrer seitlichen
Stellung mehr in eine endständige übergehen. Die Vorderbeine setzen durch ihren
Gebrauch als Greiforgane den Umwandlungen zur Flosse natürlich größeren Wider-
stand entgegen.
Es sind aber nicht die Gliedmaßen allein, die durch den Wasseraufenthalt
eine Umformung erleiden, vielmehr ist es auch die ganze Körpergestalt. Diese nimmt
eine spindelförmige, fischähnliche Gestalt an, so daß sie leicht das Wasser durch-
schneidet, ohne durch dasselbe einen allzu großen Widerstand zu erdulden. Man kann
die Körperform der Wassersäuger am besten mit der Gestalt eines Unterseebootes
und Torpedos vergleichen. Bei der Bewegung im Wasser funktionieren Vorder- und
Hintergliedmaßen als Steuer und als Ruder des kahnförmigen Leibes. Hände und
Füße, deren Finger und Zehen durch Schwimmhäute verbunden sind, bilden breite,
flossenförmige Platten. Beim Schlage gegen das Wasser spreizen sich die Finger und
Zehen auseinander, während sie sich beim Vorrücken zusammenlegen. Über Form
und Funktion der zu Flossen umgewandelten Gliedmaßen des Seehundes äußert
sich Schmeil wie folgt: „Ober- und Unterarm bzw. Ober- und Unterschenkel sind
sehr stark verkürzt und zum größten Teile im Körper geborgen. Infolgedessen
tauchen fast nur die flossenförmigen Hände und Füße ins Wasser. Schulterblatt,
Ober- und Unterarm bzw. Ober- und Unterschenkelknochen sind sehr breit, bieten
aber trotz ihrer Kürze den Muskeln die nötigen Ansatzflächen dar. Die Hände sind
schräg nach außen und die Füße, zwischen denen der stummelförmige Schwanz
sichtbar ist, nach hinten gestellt. Die Innenflächen der Füße sind der Mittellinie
des Körpers zugedreht. Durch kräftiges Zusammenschlagen wird das zwischen ihnen
befindliche Wasser ausgestoßen und der Körper mithin nach vorn getrieben. Unter-
stützt werden sie hierbei von den Händen, die gleichzeitig die Steuerung übernehmen.‘‘
Eine ausgezeichnete Darstellung des anatomischen Baues der Robbenflossen
gibt 0. Abel in seinen „Grundzügen der Palaeobiologie‘“. Dieser Forscher
sagt wörtlich: „Bei den Robben ist die Hand entweder nur zum Balancieren und
Steuern bestimmt, wie bei Phoca (Seehund) oder sie dient auch zum Rudern wie
bei Otaria. Entsprechend der Funktion sind die Finger nach hinten gerichtet, und
zwar sind die vorderen verlängert und die hinteren verkürzt, so daß die Fingerenden
fast in einer Linie liegen. Besonders auffallend ist die Verlängerung der Daumen-
phalangen. Die Fingerkrallen sind bei den Robben in Rückbildung begriffen. In der
Hand von Phoca (Seehund) sind sie noch am besten erhalten, bei Trichechus
(Walroß) gehen sie in den ersten Jugendstadien nach der Geburt zurück und sind
bei den Otariiden (Seelöwen) beinahe gänzlich verloren gegangen. Im Fußskelett
fällt zunächst die kurze, gedrungene Gestalt des Femur im Vergleiche zu den langen
Unterschenkelknochen auf. Schienbein und Wadenbein sind bei den Robben fast
immer am proximalen Ende miteinander verschmolzen. Sehr bezeichnend für
den Seehundefuß ist die relative Länge der Zehen. Stets sind die beiden äußeren die
längsten, während die zweite und vierte verkürzt sind und die Mittelzehe weitaus die
kürzeste ist. Bei den Ohrenrobben und beim Walroß sind alle Zehen fast gleich lang.““
Die Schwimmfähigkeit der Robben ist durch die hochgradige Anpassung ihrer Glied-
maßen an den Wasseraufenthalt von reißender Geschwindigkeit. Namentlich leisten
die Seelöwen darin geradezu Erstaunliches. Das Temperament der letzteren ist ein
äußerst lebhaftes, wodurch ihre Schwimmgewandtheit und Schnelligkeit besonders
zum Ausdruck kommt. Hinzu tritt noch als Förderer ihrer Bewegungsschnelligkeit
das verhältnismäßig leichte Körpergewicht, das durch die dicke Speckschicht sowie
durch das leichte Skelett bewirkt wird. Einzelne Knochen des Schädels sind sogar
fast papierdünn. Auch verringert das glatte, eng anliegende Fell die Reibung im
Wasser während des Schwimmens.