Sokolowsky, A.: Einiges über Robben und ihre Anpassungen an den Wasseraufenthalt. 209
die äußere Gestalt der ersteren so umgewandelt, daß sie, verglichen mit den Raub-
tieren, eine ganz andere Erscheinung gewähren. Anstatt eines schlanken Rumpfes,
der für die Raubtiere charakteristisch ist, findet sich bei ihnen ein plumper Körper,
der sich nach hinten allmählich kegelförmig verjüngt. Der Körper gleicht einer Spindel,
die leicht das Wasser durchschneidet, und der rundlich geformte Kopf geht ohne
Absatz in einen kurzen und dicken Hals über. Es würde aber gefehlt sein, die Robben
in ihrer Organisation nur als Wassertiere anzusprechen, vielmehr bringen sie einen
beträchtlichen Teil ihres Lebens außerhalb des Wassers auf dem Lande zu. Dieser
Doppelnatur entsprechend lassen sich in ihrem Körperbau Merkmale nachweisen,
die sie zum Aufenthalt auf dem Lande sowie im Wasser befähigen. Die Organisation
der Säugetiere ist im allgemeinen für den Aufenthalt auf dem Lande geschaffen, der
Körper der Wassersäuger hat daher eine Reihe von Umwandlungen durchmachen
müssen, bevor diese Tiere befähigt waren, ein zur Erhaltung ihrer Existenz aus-
reichendes Wasserleben zu führen. Diese Umwandlungen müssen um so größer und
für die Abänderung der Organisation um so einschneidender sein, je ausgiebiger die
Säuger das Wasser zu ihrem Lebensaufenthalt wählen. Es lassen sich denn auch bei
den verschiedenen Wassersäugern mehr oder minder hochgradige Anpassungen an
den Wasseraufenthalt nachweisen. Nach Kückenthal, der sich eingehend mit den
Anpassungen der Säugetiere an das Leben im Wasser beschäftigt hat, werden diese
Veränderungen verschieden stark sein, je nachdem der Einfluß des Wassers lange
oder kurze Zeit gewirkt hat, oder mit anderen Worten, je nachdem die betreffenden
Tiere vor längeren oder kürzeren Zeiträumen ihre Lebensweise auf dem Lande mit
der im Wasser vertauscht haben. -
Die Veränderungen der temporären Wassertiere sind nach dem genannten
Forscher nur gering. Sie erhalten einen dichten Pelz kurzer, anliegender Haare, die
durch starke Einfettung die Haut vor Benetzung und beim Verlassen des Wassers
vor Verdunstung schützen. Infolge der gleichmäßigen Temperatur des Wassers geht
der Haarwechsel bei den Wassersäugern nicht mit derselben Energie wie bei den Land-
bewohnern vor sich. Während nun, wie Kückenthal weiter sagt, die Haare bei den
nur kurze Zeit im Wasser lebenden Tieren vollständig ausreichen, um die Wärme-
ausstrahlung zu regulieren, ist dies bei den längere Zeit im Wasser weilenden Ge-
schöpfen nicht der Fall. Diese Säuger legen sich unter der Lederhaut eine dicke
Speckschicht an; namentlich sind es die in dem Polarmeer lebenden Wassersäuger,
die solchen Anpassungsschutz gewonnen haben. Hinzu kommt noch, daß dieser
große Fettgehalt des Körpers das spezifische Gewicht herabsetzt, ein Faktor, der
den im Wasser schwimmenden Säugern ebenfalls von Vorteil ist. Als weitere An:-
passungen der Haut sind noch nach dem gleichen Autor solche sekundärer Natur
anzuführen. Als solche nenne ich die Reduktion von Hautdrüsen, glatter Muskulatur
und Hautnerven bis zum völligen Schwund.
Die schwerwiegendsten Abänderungen der Wassersäuger erstrecken sich aber
auf die Umformung der Gliedmaßen. Mit diesem Thema haft sich seinerzeit Ludwig
Reh eingehend beschäftigt. Nach diesem Forscher wirken die Gliedmaßen der
Landtiere pendelartig, durch ihre Schwingungen den Körper vorwärts arbeitend.
Je länger daher ihre Radien, d. h. ihre frei beweglichen Teile, um so leichter und
fördernder wird die Bewegung sein. Wir finden infolgedessen das Streben, einerseits
die freien Gliedmaßen, soweit es die übrigen Körperverhältnisse erlauben, zu ver-
längern, anderseits den in den Körper eingeschlossenen Teil so weit zu verkürzen, als
es die hier ansetzenden oder entspringenden Muskeln gestatten. Bei den schwimmenden
Säugern muß nach diesem Autor die Umbildung der Gliedmaßen im allgemeinen
gerade den umgekehrten Weg einschlagen. Hier müssen sie wirken als einarmige Hebel:
den festen Punkt bildet das distale Ende, die bewegende Kraft: der Muskelzug und
den zu bewegenden Gegenstand, die Last: der Körper, der in dem starken Widerstand
leistenden Wasser vorwärts geschoben werden soll. Es ist klar, daß infolgedessen die
Gliedmaßen verkürzt werden müssen. Die distalen Ausbreitungen der Gliedmaßen,
Hand und Fuß, müsen eine beschränkte Vergrößerung erfahren und zugleich. eine
rückläufige Umwandlung nach der Flosse der Fische hin. Die Vergrößerung muß
sich natürlich ebensowohl auf die Länge als auf die Breite erstrecken. Erstere wird
erreicht durch Verlängerung der einzelnen Glieder, speziell der Phalangen, durch
Ann. d. Hydr. usw. 1915. Heft