Wegener, A,: Neuere Forschungen auf dem Gebiet der Meteorologie und Geophysik, 167
reinem Wasserstoff bestehen, so entspricht Beginn und Ende der Leuchterscheinung
zwei bestimmten Druckwerten, welche durch um so größeren Höhenunterschied
yetrennt sein werden, je höher die Temperatur ist, Man kommt unter dieser
Voraussetzung zu der einfachen Beziehung, daß die absolute Temperatur der
Luftschichten etwa gleich vier bis acht Zehntel der in Kilometer ausgedrückten
Strahlenlänge ist, was nach. Störmers Messungen der letzteren etwa —150 bis
—900° Celsius entsprechen würde. Freilich ist — abgesehen von der Vernach-
Jässigung der veränderlichen Zusammensetzung der Atmosphäre — auch wohl
noch die Annahme unzulässig, daß die Temperatur überall in diesen riesigen
Schichten denselben Wert haben soll, so daß die Sicherheit dieses. Rechnungs-
resultats nicht überschätzt werden darf. Aber als erster Orientierungsversuch
ist es wertvoll. |
Inzwischen hat Störmer eine neue Expedition nach Bossekop im Früh-
jahr 1918 ausgeführt, welche eine Ausbeute von 447 Doppelaufnahmen gebracht
hat. Hierüber sind erst vorläufige Berichte erschienen, während die Höhen-
berechnung noch aussteht. Interessant ist, daß diesmal auch kinematographische
Aufnahmen gelungen sind, welche die schnellen Veränderungen des Nordlichts
wiedergeben, und daß zum ersten Male Versuche gemacht wurden, das Spektrum
des Nordlichts mittels des Objektivprismas zu photographieren.
Erfreulicherweise’ hat auch das deutsche Spitzbergen-Observatorium sich
im Winter 1912/13 an der Polarlichtforschung mit photogrammetrischen Höhen-
messungen beteiligt; Kurt Wegener, der damalige Leiter des Observatoriums,
hat diese Beobachtungen veröffentlicht; aus 69 Doppelaufnahmen ergaben sich
hier Höhen zwischen 70 und 200 km. Auch wurden zwei Spektrogramme des
Polarlichts erhalten, welche außer der grünen Hauptlinie noch Wasserstoff-
linien zeigten,
4. Verschiebung der Kontinente.
Die von Alfred Wegener 1912 aufgestellte Theorie der Verschiebung der
Kontinente hat ein zunehmendes Interesse geweckt, wenn auch die Mehrzahl der
Fachleute ihr heute wohl noch ungünstig oder mindestens zurückhaltend gegen-
übersteht.
An Stelle der versunkenen Landbrücken, durch die man bisher die Ver-
wandtschaft der fossilen Flora und Fauna der heute getrennten Erdteile erklärte,
wird hier überall ein Abspalten und Abtreiben der Kontinentalschollen gesetzt,
Auf diese Weise wird der Streit beseitigt zwischen der Lehre von den ver-
sunkenen Kontinenten und der Gegenlehre von der Permanenz der: Ozeanbecken
und der Kontinentalschollen, welche. letztere aus dem Fehlen von. eigentlichen
Tiefseesedimenten auf den heutigen Kontinenten abgeleitet war, Den eigentlichen
Ausgangspunkt der neuen Theorie bilden die Schweremessungen, welche zeigen,
daß das Gesteinsmaterial unter den Ozeanen schwerer ist als das der Kontinental-
schollen. Die Schwierigkeit, welche die Vorstellung von einem Treiben der Kon-
tinentalschollen in dieser ozeanischen Gesteinsmasse. — einem für gewöhnliche
Betrachtungen festen Stoff — auf den ersten Blick macht, wird behoben durch
die paradoxen Eigenschaften der zähflüssigen Körper, wie schwarzes Pech im
Kleinen. oder das Gletschereis in etwas größeren Dimensionen, Auch sehr ge-
ringe Kräfte führen bei ihnen, wenn sie nur lange anhalten, zu großen Form-
veränderungen. .
Von dem Versuch, die Hauptveränderungen des Erdreliefs in den geo-
logischen Zeiten unter diesem Gesichtspunkt zu rekonstruieren, soll hier nur die
Annahme erwähnt werden, daß Amerika sich von Europa-Afrika losgelöst hat,
und zwar Südamerika zu Beginn, Nordamerika zum Schluß der Tertiärperiode,
und daß Grönland erst in der Eiszeit von Europa einerseits und Nordamerika
andererseits sich entfernt hat. Der Atlantische Ozean wäre also hiernach als eine
ungeheuer erweiterte Spalte aufzufassen, bei deren Öffnung sich durch Zu-
sammenschub des amerikanischen Westrandes die gewaltigen Ketten der Anden
aufgeworfen haben.