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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1915. 
2. Die obersten Atmosphärenschichten. 
Die Natur der obersten, mit den Hilfsmitteln der Aerologie nicht mehr 
erreichbaren Atmosphärenschichten ist in jüngster Zeit Gegenstand eines erhöhten 
Interesses geworden. Die Vorgänge, welche sich in diesen Höhen abspielen, 
lassen auf indirektem und daher allerdings leider oft unsicherem Wege doch 
so viel Schlußfolgerungen auf die Natur dieser Schichten zu, daß es möglich ist, 
hierdurch das von der Aerologie entworfene Bild der Erdatmosphäre in groß- 
zügiger Weise zu vervollständigen. 
Schon vor fast 40 Jahren ist der berühmte Wiener Klimatologe Hann zu 
dem paradoxen Schluß gekommen, daß hoch über unseren Häuptern die Erd- 
atmosphäre aus dem brennbaren Gas Wasserstoff bestehen muß; damals waren 
nämlich zum ersten Male Spuren dieses Gases in der gewöhnlichen Luft nach- 
gewiesen worden — freilich nur ein ganz verschwindender Bruchteil in dem der 
Hauptsache nach aus Stickstoff und Sauerstoff bestehenden Gasgemisch, Die 
Theorie lehrt aber, daß sich dies Verhältnis mit der Höhe ändern muß. 
Die verschiedenen Gase der Luft besitzen am Erdboden gewisse Teil- 
drucke, deren Summe den meßbaren Luftdruck darstellt; und nach den Gas- 
gesetzen muß dieser Partialdruck für jedes Gas in einem eigenen, durch sein 
spezifisches Gewicht bestimmten Tempo mit der Höhe abnehmen, nämlich bei 
schweren Gasen schnell, bei leichten langsam. Wenn wir also nur bis in genügend 
große Höhen hinaufgehen, so müssen wir schließlich an einen Punkt kommen, 
wo der Partialdruck des schweren Stickstoffs oder Sauerstoffs an dem zwar 
von Anfang an kleinen, aber nur sehr langsam abnehmenden Partialdruck des 
Wasserstoffs vorbei sinkt, und von dieser Höhe ab muß der Wasserstoff in der 
Zusammensetzung den Hauptbestandteil ausmachen. 
Lange Zeit hatte es hiermit sein Bewenden; niemand nahm den Faden 
auf, dessen Anfang hier gefunden war. Erst in allerjüngster Zeit machte man 
die Entdeckung, daß dies Problem mit einer ganzen Reihe anderer Erscheinungen 
in engstem Zusammenhange steht, und damit wurde es mit einem Schlag aktuell; 
ein neuer Forschungszweig entstand: die Erforschung der obersten Atmosphären- 
schichten, 
Leider sind wir für die Prüfung dieser theoretischen Ergebnisse auf 
indirekte Beobachtungen angewiesen, denn selbst die frei fliegenden Gummi- 
ballone erreichen nur Höhen bis zu 30 km, welche für die vorliegende Frage 
noch nichts geben. Es sind die in diesen Höhen von selbst auftretenden Erschei- 
nungen, wie Sternschnuppen, Nordlicht, Dämmerungsbögen, die leuchtenden 
Nachtwolken u. a., durch deren Beobachtung wir wenigstens Anhaltspunkte über 
die Realität des theoretischen Ergebnisses erhalten können. Und diese Erschei- 
nungen bestätigen sämtlich dessen Realität. 
Nach der Theorie müßte sich der Umschlag der Zusammensetzung in etwa 
60 bis 80 km Höhe vollziehen, so daß hier eine, wenn auch nicht scharfe Schicht- 
grenze liegen müßte. Die leuchtenden Nachtwolken, die weit über die Grenzen 
der übrigen Wolken hinaus beim Ausbruch des Vulkans Krakatoa empor- 
geschleudert wurden, lagen nach Jesses Messungen bei etwa 80 km und zeigen 
also durch ihre Ausbreitung in dieser Höhe in der Tat eine solche Schicht- 
grenze an. 
Der Hauptdämmerungsbogen, der erst am Horizont verschwindet, wenn 
die Sonne 17° tief unter diesen gesunken ist, wird — wie sich aus dieser Zahl 
ableiten läßt — von den Luftschichten bis etwa 70 km Höhe erzeugt, die dort 
oben noch von den Strahlen der längst untergegangenen Sonne durchleuchtet 
werden. Oberhalb dieser Höhe muß die Atmosphäre also erheblich weniger Licht 
zurückwerfen, mithin aus anderem Material bestehen. 
Bei den großen Explosionsknallen, deren Hörbarkeit man in jüngster Zeit 
mehrfach sorgfältig untersucht hat — auch aus dem letzten Jahre stammt 
wieder eine solche Untersuchung von Dörr über die Explosion auf dem Stein- 
felde bei Wiener-Neustadt vom 7. Juni 1912 und eine andere von van Ever-
	        
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