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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

Wegener, A,: Neuere Forschungen auf dem Gebiet der Meteorologie und Geophysik. 163

ballone ohne Instrument), welche gegenwärtig immer weitere Ausbreitung und
Zukunft gewinnt. Teils dient sie den unmittelbaren Zwecken der Luftfahrt, teils
schöpft sie ihre Bedeutung aus der wachsenden Erkenntnis, daß das primum
movens der wichtigsten Witterungsvorgänge auf dem Gebiet der Hydrodynamik
statt auf dem der Wärme oder Feuchtigkeit zu suchen ist. . Die »Internationale
Polarkommission für wissenschaftliche Luftfahrt« hatte auf ihrer Tagung vom
28. Februar bis 1. März 1914 in Kopenhagen ein großzügiges Programm für ein
nordpolares Netz von Pilotballonstationen entworfen, welche während der geplanten
Triftexpedition von Amundsen arbeiten sollten. Nach Zeitungsberichten scheint
diese Fahrt leider infolge der gegenwärtigen kriegerischen Verwicklungen endgültig
 aufgegeben zu sein.
Das letzte .Jahr hat der Aerologie auch mehrere bedeutende Veröffentlichungen
 gebracht. Der jüngst erschienene Jahrgang 1913 der Arbeiten des Kgl.
Aeronautischen Observatoriums zu Lindenberg, der die früheren an Umfang um das
Dreifache übertrifft, bildet einen monumentalen (vorläufigen) Abschluß dieser
ganz einzigartigen Beobachtungsreihe. Von den zahlreichen Abhandlungen, welche
teils von Beamten des Observatoriums, teils nur mit Mitteln desselben ausgeführt
dem Werk. beigegeben sind, sei hier.nur diejenige von Albert Peppler und
Stuchtey über ihre Messungen der Sonnenstrahlung auf einer Reihe von
Hochfahrten erwähnt. Mit diesem Jahrgang hat der hochverdiente Gründer des
Observatoriums, Richard Aßmann, dessen Leitung niedergelegt, und hat Hugo
Hergesell, der langjährige Präsident der Internationalen Kommission für wissenschaftliche
 Luftschiffahrt, dieselbe übernommen,
Die an‘ den monatlichen, international vereinbarten Terminen in Europa
ausgeführten Registrierballonaufstiege (mit Registrierung der Höhe, Temperatur
und Feuchtigkeit) werden schon seit langem von Hergesell regelmäßig veröffentlicht,
 neuerdings. aber außerdem seitens des neuen Geophysikalischen
Instituts der Leipziger Universität von Bjerknes und seinen Assistenten in
übersichtlicher kartographischer Darstellung herausgegeben. Die Arbeit, die sich
hier vorbereitet, ist eine ganz eigenartige und lenkt die allgemeine Aufmerksamkeit
der Fachkreise auf sich. Die 1913 in Druck erschienene Antrittsvorlesung von
Bjerknes: »Die Meteorologie als exakte Wissenschaft« stellt als Ziel die ‚exakte
Vorausberechnung (Prognose) der künftigen Witterungszustände auf. Dazu ist
zunächst die »Diagnose« aufzustellen, d. h. der Zustand in der Vertikalen über
Europa für einen bestimmten Termin genau zu ermitteln; diesem Zweck dienen
die genannten kartographischen Darstellungen, Wenn so in einem Zeitpunkt der
Wert aller Veränderlichen bekannt ist, so ist der darauf folgende Zustand mathematisch
 bestimmt. Allerdings ist wegen der großen Zahl von Variablen die rein
mathematische Behandlung hoffnungslos; man beabsichtigt indessen, graphische
Methoden auszubilden, welche. direkt die eine Karte aus der anderen abzuleiten
gestatten. Die Anfänge hierzu sind schon geschaffen, Zwei Bände, die Statik
und die Kinematik, ‚sind erschienen — auch bereits in deutscher Übersetzung des
englischen, mit Unterstützung der Carnegie-Institution herausgegebenen Originals),
Ihr Inhalt ist freilich erst die Vorbereitung zu den noch ausstehenden Hauptteilen
 der Dynamik und Thermodynamik, deren glückliche Bewältigung die Mittel
zur Ausführung -der Vorausberechnungen liefern soll, An die Ausgestaltung der
letzteren für praktische Zwecke wird noch nicht gedacht, da Bjerknes gesteht,
er habe kaum Hoffnung, selber so weit zu kommen, daß er »in drei Monaten
ausrechnen könne, was. das Wetter in drei Stunden fertig bringt«. Indessen:
‚es kann Jahre erfordern, um einen Tunnel durch einen Berg zu bohren, Mancher
Arbeiter wird den Tag des Durchschlages nicht erleben, Aber das hindert nicht,
daß später andere mit Schnellzugsgeschwindigkeit durch den Tunnel hindurchfahren
 können.« Mit Spannung sieht man in Fachkreisen dem langsam fortschreitenden
 Werk entgegen.

, 1y V. Bjerknes und J. W. Sandström, Statik der Atmosphäre, Deutsch von Kirchner,
Braunschweig 1912. ; F
. V. Bjerknes, Th. Hesselberg und O0. Devik, Kinematik der Atmosphäre, Deutsch von
Kirehner, Braunschweig 1913.
            
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