162 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1915.
meist annahm, die erdnahen Schichten den Hauptsitz der atmosphärischen
Vorgänge bilden. Die Stratosphäre zeigt auch in diesem Bilde einen passiven
Charakter.
Fie
A
1
4
3
M
Schema der vertikalen Temperaturverteilung
in Hoch- und Tiefdruckgebieten,
Schema des Druckgefälles zwischen Hoch-
und Tiefdruckgebiet.
Nachdem schon früher Gold und Humphreys den Versuch gemacht
hatten, die Strahlungsgesetze auf die Atmosphäre anzuwenden und speziell die
Temperatur der Stratosphäre als dem Strahlungsgleichgewicht entsprechend zu
erklären, hat nunmehr Emden eine im mathematischen Teil von Schwarz-
schild noch weiter ausgebaute Theorie des Strahlungsgleichgewichts aufgestellt,
welche auch die Verhältnisse in der Troposphäre umfaßt. In ihr wird berück-
sichtigt, daß die Luft von der kurzwelligen Sonnenstrahlung nur wenig, von
der langwelligen (weil viel tieferen Temperaturen entstammenden) Strahlung
der Erde oder anderer Luftschichten aber viel absorbiert, Anderseits wird
mit Rücksicht auf das Ergebnis der Strahlungsmessungen von Abbot und
Fowle angenommen, daß die trockene Luft nur sehr wenig, der Wasserdampf
aber sehr viel Strahlung überhaupt absorbiert. Für die Stratosphäre, wo der
Wasserdampf keine Rolle mehr spielt, folgt hieraus eine (allerdings äußerst
geringfügige) Temperaturzunahme mit der Höhe, in hinreichender Uberein-
stimmung mit den Beobachtungen. In der 11 km dicken Troposphäre mit ihren
Wolkenbildungen, wo der Wasserdampf eine nach unten zunehmende Rolle
spielt, wird auch die Temperatur nach unten zunehmen, zuerst langsam, dann
schneller, und in den untersten Schichten schließlich viel schneller, als es mit
deren Stabilität vereinbar wäre. Natürlich wird nicht erwartet, daß die so
berechneten Temperaturen, bei denen Gleichgewicht. zwischen Ein- und Aus-
strahlung herrschen würde, auch in Wirklichkeit in der Troposphäre vorhanden
sind; die Aerologie hat ja längst gezeigt, daß deren Zustand wesentlich durch
die fortwährende vertikale Durchmischung bedingt ist, welche als Endzustand
das konvektive Gleichgewicht anstrebt; aber es ergeben sich hier neue Gesichts-
punkte für die Frage, wodurch eine solche vertikale Durchmischung verursacht
wird. Diese Emdensche Theorie hat, ihrer Bedeutung entsprechend, lebhaften
Anklang in den Fachkreisen gefunden und eine umfangreiche, heute wohl noch
nicht abgeschlossene Diskussion angeregt,
Schließlich seien noch einige Fortschritte anderer Art erwähnt, welche die
Aerologie in jüngster Zeit zu verzeichnen hatte.
Während für die Feststellung der Temperaturverteilung in der Atmosphäre
die Auflassung eines Registrierinstruments mittels Ballon oder Drachen notwendig
ist, genügt für die bloße Bestimmung der Bewegung in den verschiedenen
Schichten die billige Methode der Pilotballone (frei fliegender kleiner Gummi-