Wegener, A.: Neuere Forschungen auf dem Gebiet der Meteorologie und Geophysik, 161
im Sommer, so nimmt die Jahresschwankung zwischen 3 und etwa 7 km Höhe
umgekehrt mit der Höhe zu, wie die Figur gleichfalls in absichtlich übertriebener
Weise zeigt, ; .
Vor 1902 kannte man nur die unterste Region 1 mit nach oben ab-
nehmender Jahresschwankung. In Gebirgsländern ist ja das Klima der Täler
»excessiver«, das der Höhen »limitierter«, weil im Winter die Kälte häufig auf
die Täler beschränkt ist, im Sommer aber die Täler viel heißer werden als die
Höhen. Hier nimmt also die Jahresschwankung mit der Höhe ab. Man ver-
mutete deshalb, daß in einer gewissen, wenn auch beträchtlichen Höhe die
Temperatur der Atmosphäre das ganze Jahr hindurch dieselbe sei (Sprungs
Lehrbuch der Meteorologie, S, 85), und es erregte Überraschung, als Teisserenc
de Bort aus seinen zahlreichen Auflassungen von Registrierballonen im Jahre
1904 nachwies, daß die Jahresschwankung oberhalb 2 oder 3 km wieder zunimmt
und für Orte mit Küstenklima in 6 km Höhe sogar größer ist als am Erdboden.
{Im Kontinentalklima ist sie allerdings unten wohl stets größer.) ;
Wir können also, wie die Figur zeigt, vier Stockwerke unterscheiden, in
denen die Jahresschwankung der Temperatur nach oben abwechselnd ab- und
zunimmt: Im untersten Stockwerk (1 der Figur) nimmt die Jahresschwankung
nach oben ab, da die Temperaturabnahme nach oben im Winter kleiner ist als
im Sommer. Im zweiten Stockwerk, welches über Mitteleuropa an der Küste
bis 51/., im Binnenlande bis 7!/, km Höhe reicht, nimmt die Jahresschwankung
nach oben wieder zu, da die Temperaturabnahme hier im Winter größer ist als
im Sommer, wo das Zirkulationsmaximum erst im nächst höheren Stockwerk
liegt. In letzterem (Stockwerk 3), bis rund 12 km Höhe, nimmt die Jahres-
schwankung nach oben rasch ab, während im Stockwerk 4 dieselbe anscheinend
wieder etwas zunimmt, weil hier im Winter Isothermie, im Sommer Temperatur-
umkehr vorherrschend ist,
Die dritte Tatsachenreihe betrifft die Beziehung der vertikalen Tempe-
raturverteilung zu den wandernden Gebieten hohen und niederen Druckes, den
Zyklonen und Antizyklonen unserer Breiten. Es ist längst bekannt, daß während
des Winterhalbjahres die Temperatur am Erdboden bei hohem Barometerstande
niedriger zu sein pflegt als bei tiefem. Schon vor 24 Jahren hat aber Hann
gezeigt, daß sich diese Verhältnisse in den Alpen oberhalb etwa 1000 m Seehöhe
umkehren, und bald darauf haben die Aufstiege unbemannter Ballone bewiesen,
daß die Hochdruckgebiete bis 8 oder 10 km Höhe hinauf in der Tat wärmer
sind als die Tiefdruckgebiete zur gleichen Jahreszeit, Dann aber hat wiederum
Teisserenc de Bort 1902 gezeigt, daß in noch größeren Höhen sich dies Ver-
hältnis abermals umkehrt, weil nämlich in Hochdruckgebieten die Temperatur-
abnahme höher hinaufreicht und so zu niedrigeren Temperaturen führt als in
Tiefdruckgebieten. In letzteren wird die Stratosphäre schon in 8 bis 10 km, in
ersteren erst in 11 bis 13 km Höhe erreicht. Diese Verhältnisse werden, wiederum
absichtlich übertrieben, in der schematischen Figur 2 (S. 162) dargestellt. Auch
hier lassen sich vier Stockwerke, aber in anderer Höhenlage, unterscheiden: Bis
etwa 1000 m Höhe ist die Zyklone wärmer; von da, in der 2, und 3. Schicht, bis
etwa 10km Höhe die Antizyklone (der größte Unterschied liegt bei etwa 5 km),
und oberhalb dieser Höhe wieder die Zyklone, Da es sich hier um Mittelwerte
handelt, so ist der Übergang von der Troposphäre zur Stratosphäre wegen
seiner wechselnden Höhe ein allmählicher, obwohl er im einzelnen Falle gewöhn-
lich recht scharf auftritt.
Diese unerwartet komplizierten Temperaturverhältnisse bewirken, daß
auch das Druckgefälle zwischen Hoch- und Tiefdruckgebiet in den verschie-
denen Höhen durchaus nicht ein so einfaches ist, wie man früher annahm, und
wie man es noch heute in manchen Abbildungen dargestellt findet, Die wirk-
lichen Verhältnisse sind — der Deutlichkeit halber wieder in ühbertriebener,
schematischer Weise — in Figur 3 veranschaulicht. Die stärkste Neigung der
Druckflächen tritt im oberen Teil der Troposphäre, der »Substratosphäre«, auf,
was darauf hinzudeuten scheint, daß diese Schichten und nicht wie man früher
Ann. d. Hydr. usw. 1915, Heft 1V.