Wegener, A.: Neuere Forschungen auf dem Gebiet der Meteorologie und: Geophysik. 159
Neuere Forschungen auf dem Gebiet der Meteorologie und Geophysik.
Von Alfred Wegener in Marburg.
Die in den letzten Jahren auf dem Gebiete der Meteorologie und Geophysik
geleistete Arbeit ist so umfangreich, und der Gegenstand der Untersuchungen
ein so. wechselnder, daß ein vollständiges Bild derselben den hier verfügbaren
Raum erheblich überschreiten würde, zumal sich die Forschungen nicht ver-
ständlich schildern lassen, wenn nicht auch ihre Entwicklung kurz skizziert
werden kann, Im folgenden soll daher nur eine beschränkte Anzahl von neueren
Forschungsrichtungen zur Besprechung gelangen, ihre Darstellung aber so weit
ausgedehnt werden, daß sie womöglich ohne Kommentar verständlich sind.
1. Aerologie.
Bis zum Jahre 1902 glaubte man, daß die Abnahme der Lufttemperatur
mit wachsender Höhe, die man damals schon bis 6 oder 7 km Höhe festgestellt
hatte, sich nach oben immer weiter fortsetzen müsse. Man hatte ja immer
wieder die Erfahrung . gemacht, daß die Störungen und Umkehrungen dieser
normalen Temperaturabnahme, die zeitweise in Bergländern zu beobachten
waren, sich auf die unteren Schichten der Atmosphäre beschränken, und ander-
seits hatte sich die ältere Annahme, daß oberhalb 5000 m Höhe der Betrag
dieser Temperaturabnahme allmählich geringer und schließlich verschwindend
klein werde, durch die schöne Reihe der Berliner wissenschaftlichen Luftfahrten
in den 90er Jahren als ein Irrtum herausgestellt, der durch ungenügende Venti-
lation der Thermometer bei den älteren Fahrten entstanden war. ;
Indessen machten im Jahre 1902 gleichzeitig Aßmann und Teisserenc
de Bort die Entdeckung, daß diese Temperaturabnahme, die nach den genannten
Fahrten in 5000 bis 8000 m Höhe sogar %/,° für je 100 m Erhebung beträgt, in
einer Höhe von etwa 10000 m (über Mitteleuropa) dennoch, und zwar ziemlich
plötzlich aufhört und einem unregelmäßigen Wechsel von Zunahme und (meist
nur geringer) Abnahme Platz macht. Solche »Inversionen« und »Isothermien«,
die in den unteren Schichten, wie erwähnt, nur vorübergehend und in geringer
Mächtigkeit auftreten, sind in diesen großen Höhen stets und in einer nach oben
bisher unbegrenzten Ausdehnung vorhanden. Bis 30 km über dem Erdboden —
d. h. soweit wir durch unbemannte Ballone bisher Temperaturaufzeichnungen
erhalten haben — herrscht derselbe Charakter der Temperaturverteilung. Die
Temperaturverhältnisse noch höherer Schichten der Atmosphäre sind uns aller-
dings einstweilen unbekannt; ihre chemische Zusammensetzung und die sich in
ihnen abspielenden Vorgänge sollen weiter unten behandelt werden.
Man hat diese Region zwischen 10 km und mindestens 30 km Höhe bis-
weilen als »die obere warme Schicht« bezeichnet, Aber das »warm« ist nur
relativ zu verstehen; denn die Temperatur dieser Schicht liegt über Europa
gewöhnlich zwischen — 50° und — 60° C. und in den Tropen noch niedriger,
sie ist also meist tiefer als die tiefsten in Sibirien beobachteten Kältegrade,
Auch der häufig gebrauchte Ausdruck »isotherme Region« trifft höchstens für
den augenblicklichen Zustand über einem einzelnen Ort zu, während von Tag zu
Tag und von Ort zu Ort starke Schwankungen der Temperatur in ihr auftreten,
stärkere sogar als in den tieferen Schichten. Am meisten eingebürgert haben
sich zwei von Teisserenc de Bort vorgeschlagene Bezeichnungen für diese
beiden merkwürdigen Hauptschichten der Atmosphäre, nämlich Stratosphäre
für die obere Schicht ohne Vertikalabnahme und Troposphäre für die untere
mit Vertikalabnahme der Temperatur,
, In den 12 Jahren seit der Entdeckung dieser großen Schichtgrenze hat
sich immer mehr gezeigt, daß .sie von einer durchgreifenden Bedeutung ist,
Nicht nur ist sie überall auf der Erde und zu allen Zeiten — wenn auch in
wechselnden Höhen — zu finden, sondern auch die Natur der beiden durch