Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar‘ 1915,
$ 1. Reisen und Arbeitstechnik an Bord. Die Profile.
J. Schmidt war im Verfolg seiner Forschungsreisen im östlichen Nord-
atlantischen Ozean während der Jahre 1903 bis 1907 auf verschiedene vorwiegend
biologische Probleme, die u, a. die Lebensbedingungen des Aales betreffen,
gestoßen, zu deren weiterer Verfolgung die Untersuchung der mittelmeerischen
Verhältnisse besonders förderlich erschien. Es wurde zunächst eine Winterfahrt
des »Thor« ermöglicht, auf der diese Aufgaben im Vordergrund standen; sie
dauerte von Mitte November 1908 bis Ende März 1909, führte über Algier,
Messina und durch den Golf von Korinth ostwärts bis Athen, anderseits nord-
wärts über Neapel bis zur Riviera, Man hatte mit sehr viel schlechtem Wetter
zu kämpfen, auch war im Dezember Messina, das man als Arbeitsbasis in Aussicht
genommen hatte, durch das Erdbeben zerstört worden. Gleichwohl erbrachten
die 78 Stationen schon in dem vorläufigen Überblick so viele neue Ergebnisse
besonders auf ozeanographischem Gebiete), daß Schmidt eine weitere Expedition
in der entgegengesetzten Jahreszeit, also im Sommer, mit Hervorhebung der
ozeanographischen Aufgaben, für 1910 durchzusetzen wußte. Der Reiseweg wurde
wesentlich nach diesen Aufgaben gewählt und ging über Algier—Genua— Tunis
zur Großen Syrte, von da über Rhodos—Smyrna bis in das Schwarze Meer,
zurück wieder durch den Kanal von Korinth nach Messina—Neapel— Barcelona —
Algier hinaus zum Ozean. An 171 Stationen wurde gearbeitet von Mitte Juni
bis Mitte September.
Während auf der Winterreise kein besonderer Ozeanograph eingeschifft
war und die Wasserproben zur späteren, auch nach 4 Monaten übrigens noch
mit Erfolg ausgeführten Untersuchung in kleinen Fläschchen von etwa 200 ccm
Inhalt mit nach Hause genommen worden waren, begleitete J. N. Nielsen als
»Hydrograph« das Schiff auf der Sommerreise, dazu S. Palitzsch als Chemiker,
und es wurde so gut wie alles sofort an Bord titriert, sowohl für Salzgehalt als
auch für Sauerstoff, Die Genauigkeit der Salzgehaltsbestimmungen gibt Nielsen
zu + 0.08 %o an.
»Thor« lotete die Tiefen bis ungefähr 2000 m mit einer Litze von 3 mm
Durchmesser, also der Litze, mit deren Hilfe auch die sogenannten Reihen-
messungen ausgeführt wurden; nur bei größeren Tiefen benutzte man eine Lucas-
Lotmaschine, Als recht vorteilhaft erwies sich die Methode, während der Reihen-
beobachtungen an der vorher ausgegebenen Tiefseedredge sich gewissermaßen
zu verankern; da aber die pelagische Fischerei, weil ertragreicher in der Nacht,
vorwiegend nachts vorgenommen wurde, so sind nicht wenige der ozeanogra-
phischen Serien nachts ausgeführt. »Thor« hat mehrfach mit der durch starke
Strömungen bedingten Unsicherheit darüber zu kämpfen gehabt, ob die Instru-
mente tatsächlich in der gewünschten Tiefe gearbeitet haben, so z. B. in der
Gibraltar-Straße; in solchen Fällen wird man in Zukunft mit Nutzen als Kontroll-
instrument gegen Druck ungeschützte Kippthermometer verwenden, worauf früher
E. Ruppin, neuerdings wieder W. Brennecke”*) hingewiesen haben,
Während der Winterfahrt wurden die Tiefentemperaturen ausschließlich
mit dem in den Pettersson-Schöpfer hineingesteckten Nansen-Thermometer ge-
messen; auf der Sommerreise fanden auch Richtersche Umkehrthermometer in
verschiedenen Kipprahmen Verwendung. Es wurde dabei durch Vergleiche
empirisch der adiabatische Effekt bestimmt, den das Nansen-Thermometer bei
dem Heraufholen im Schöpfer infolge der dynamischen Abkühlung der Wasser-
probe (und des Wasserschöpfers) mit anzeigt; er stimmte bei der hauptsächlich
in Betracht kommenden Temperatur von rund 13° bis zu etwa 800 m Tiefe gut
mit den durch W. Ekman berechneten theoretischen Werten), dagegen traten
bei größeren Tiefen folgende systematische Abweichungen auf (Mittelwerte):
) Hierüber hat Dr. Mey bereits in dieser Zeitschrift 1910, S. 663 ff. berichtet.
’) Annalen der Hydrographie 1914, S. 34.
3) On the use of insulated water bottles, in Public. de circonstance Nr. 23, Kopenhagen 1905,
S. 16 u. 17. Zu dem gesamten Problem der adiabatischen Temperaturänderungen im Meere über-
haupt vgl. man auch die neue Arbeit Ekmans in den Annalen der Hydrographie 1914, S. 340 ff,,
sowie von Schott ebenda, 1914, S. 321 ff. An der letztgenannten Stelle sind auch die von »Thor«
im Mittelmeer beohachteten adiabatischen Temperaturzunahmen besonders besprochen (S. 325 bis 326).