Ludewig, P.: Die Bedeutung der vertikalen Luftbewegungen für die Luftfahrt. 103
die Luft kühl. Da erwärmte Luft aber leichter ist als kalte, so wird sie auf-
steigen: und sich über die kalte Luft zu lagern suchen. Über einem Fluß, einem
Teich oder Wald wird. man daher an heißen Sommertagen. in der Mittagszeit
absteigende, über isoliert liegenden kahlen Geländeflächen aufsteigende Luftströme
finden. Sie sind bei jeder Freiballonfahrt zu beobachten, So zeigt z. B. die
Figur 1 den Einfluß der Mosel auf einen sie überfliegenden Freiballon. Als
Ordinaten sind die Vertikalgeschwindigkeiten des Ballons in der Weise aufgetragen,
daß .einem positiven Vor- a
zeichen eine Geschwindig- Fig. 1.
keit nach oben, einem
negativen Vorzeichen eine
Geschwindigkeit nach unten
entspricht. Man sieht, wie
beim Überfliegen der Mosel
ein starker Fall einsetzt.
. Aber nicht nur in
Bodennähe, auch in der
freien Atmosphäre spielt
für das Auftreten von Vertikalbewegungen die Temperaturverteilung eine wichtige
Rolle. Es ist schon oben der Fall erwähnt, daß in verschieden dicht über-
einander liegenden Schichten Winde verschiedener Geschwindigkeit und Richtung
wehen können. Damit ist meistens auch eine Temperaturdifferenz verbunden.
Aus .den zahlreich unternommenen Registrierballonaufstiegen sind Temperatur-
sprünge von teilweise beträchtlicher Größe nachgewiesen, Wenn die Temperatur
nicht mit der Höhe gleichmässig abnimmt, wenn also über einer warmen
eine kalte Luftschicht gelagert ist, so. ist ein labiles Gleichgewicht vor-
handen und es muß ein Ausgleich durch plötzliche, oft sehr intensive Vertikal-
bewegungen eintreten. = ,
Aber auch ohne diese besondere Temperaturverteilung sind gerade die
Schichtgrenzen für das Entstehen von vertikalen Luftbewegungen besonders
geeignet. W, Peppler hat aus trigonometrischen Beobachtungen der Bewegung
von ‚Pilotballonen den Schluß ziehen können, daß die Luftmassen von den Grenz-
flächen einer in der Atmosphäre vorhandenen starken Windschicht in diese Schicht
hineingerissen werden, gerade wie ein Ejektorstrahl die ‚umgebende Luft mit sich
reißt. Die von oben hineingezogenen Luftmassen geben daher zu einer abwärts
gerichteten, die von unten angesaugte Luft zu einer aufwärts gerichteten Vertikal-
bewegung Anlaß, die umso lebhafter ist, je schärfer die Windschicht begrenzt ist.
| Auch die sogenannten „Luftwogen“ mit ihren schönen Wolkenbildern
gehören in dieses Kapitel. Zwei übereinander liegende Schichten verschiedener
Windgeschwindigkeit verursachen in ihrer Grenzfläche eine Wellenbildung,
genau wie es ein über eine ruhende Wasserfläche streichender Wind oder ein
über eine Sandfläche fließender Wasserstrom tut. Die Wogen sind sehr oft da-
durch dem Auge sichtbar, daß in den aufsteigenden Luftteilchen eine Kondensation
und Wolkenbildung eintritt, welche
in den absteigenden Luftmassen
wieder verschwindet. Das ist aber
nur dann der Fall, wenn die relative
Feuchtigkeit an dieser Stelle und
die Größe der Vertikalbewegungen
bestimmte Werte haben. Die Wogen-
wolken sind daher ein Anzeichen
für den Luftfahrer, daß sich hier
Windsprünge mit ihren ‚gefähr-
lichen Begleiterscheinungen befinden und daß der Apparat beim Durchfliegen
eine Wellenbewegung erfahren wird, die zu erhöhter Aufmerksamkeit rät. Die
Figur 2 zeigt das Barogramm einer Freiballonfahrt des Verfassers, bei welcher
der Ballon eine lange Zeit auf einer Schicht geschwommen hat und dabei die
Auf- und Abwärtsbewegung in den Luftwogen mitgemacht hat.