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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

102 .  . Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1915. 
Betrachten wir den folgenden speziellen Fall. Über einer Schichtgrenze — die 
dem Auge oft durch die horizontale Grenzfläche einer Wolkenschicht sichtbar 
sein kann, an der aber nicht in jedem Fall eine Wolkenbildung stattfinden 
muß — herrsche Windstille. In dieser ruhenden Luft bewege sich ein Flieger 
mit einer bestimmten Horizontalgeschwindigkeit. Unterhalb der Schichtgrenze 
wehe ein Wind in der gleichen Richtung und der gleichen Geschwindigkeit wie 
die der Fliegerbewegung. Was wird eintreten, wenn der Flieger von oben in 
die untere Schicht hinabgleiten will? Sein Apparat wird plötzlich keine Relativ- 
bewegung gegen die Luft mehr haben und, da damit die Tragfähigkeit der Luft 
plötzlich gleich Null geworden ist, wie ein Stein fallen, so lange, bis der Propeller 
ihm wieder genügend Relativbewegung gegen die horizontal strömende Luft 
verschafft hat. 
Dieser ganz spezielle Fall wird natürlich nicht oft eintreten. Es ist aber 
ohne weiteres verständlich, daß bei vielen ähnlichen Verhältnissen ein, wenn auch 
schwächeres, Durchsacken eintreten kann, das dem Flieger wie ein tatsächliches 
Luftloch erscheinen wird, Der Freiballon wird dagegen, da er keine Relativ- 
bewegung gegen die Luft besitzt, die besprochene Abwärtsbewegung nicht 
erfahren. Es wird gelegentlich vorkommen, daß ein Freiballon auf einer 
Schichtgrenze im Gleichgewicht schwimmt und daß die Ballonhülle in der oberen, 
der Korb in der unteren Schicht sich befindet. In diesem Fall wird der Ballon- 
führer nur den ihm sehr ungewohnten Fall erleben, daß er heftigen „Wind im 
Korb“ hat. . 
III. Das Wesen der vertikalen Luftbewegungen. 
Neben den scheinbaren vertikalen Luftströmungen gibt es eine ganze 
Anzahl von „Luftlöchern“, bei denen tatsächlich eine vertikale Luft- 
bewegung Schuld an der Höhenänderung des Luftfahrzeuges ist. Dabei 
können sehr verschiedene Ursachen wirksam sein. Betrachten wir zunächst die 
Vertikalbewegungen in der Nähe des Erdbodens. Ist ein vollkommen ebenes 
Gelände vorhanden, so wird ein Luftteilchen mit dem Wind parallel zum Boden 
fortgeführt. Das ist aber nicht mehr der Fall, wenn die überstrichene Fläche 
sehr verschieden bewachsen ist, wenn z. B. der Wind in eingelagerten 
Waldflächen eine größere Reibung erfährt als auf dem unbewachsenen Gelände, 
Dann kommt eine turbulente Strömung zustande, in der Wirbelbildung und 
damit Vertikalkomponenten des Windes entstehen. 
Aber nicht nur die verschiedene Art der Bodenbeschaffenheit, auch die 
Höhenänderungen des unten liegenden Geländes sind von Einfluß. Wenn 
im großen und ganzen ein Luftteilchen sich in geringer Höhe über dem Boden 
parallel zu ihm fortbewegt, so wird es dem Gelände über Berg und Tal in ent- 
sprechenden gekrümmten Bahnen folgen. Beim Hinabgleiten am Bergabhang 
wird so eine nach unten, beim Anstieg am Bergrücken eine aufwärts gerichtete 
Vertikalkomponente zustande kommen. Haben diese Geländeunebenheiten einen 
sanft verlaufenden Charakter, so werden die Vertikalströmungen niemals ge- 
fährlich werden, Der Freiballon gleitet ohne Ballastwurf oder Ventilzug bergauf 
und bergab, und auch dem Flugzeug verursachen sie keine Gefahren. Wenn 
aber plötzliche Höhenänderungen vorhanden sind, wenn ein Hang über Felsen 
steil abfällt, oder ein tiefes Tal zwischen zwei Bergrücken eingelagert ist, so 
treten auch hier Wirbel auf, die dem Flugzeug noch in Höhen von etwa 500 m 
gefährlich werden können. 
Daneben sind aber auch bei vollkoınmener Windstille Vertikal- 
bewegungen zu beobachten, die auf einer anderen Ursache beruhen. Sie treten 
meist an heißen Sommertagen zur Zeit der größten Hitze auf und haben ihren 
Grund in der verschiedenen Erwärmung der Luft, die ja ihre Wärme zum 
größten Teil nicht durch direkte Bestrahlung der Sonne, sondern indirekt von dem 
durch die Sonnenstrahlen erwärmten Boden erhält. Da aber verschieden beschaffener 
Boden sich nicht gleich stark erwärmt, so wird die Luft nicht an allen Stellen 
über einer gleich bestrahlten, aber ungleich bewachsenen großen Fläche dieselbe 
Temperatur haben. Heller, sonniger und unbewachsener Boden erwärmt sich 
und die darüber liegende Luft besonders stark; über Wald oder Wasser. bleibt
	        
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