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Full text: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 43 (1915)

Ludewig, P.: Die Bedeutung der vertikalen Luftbewegungen für die Luftfahrt, 101 
aufwärts gerichteten Bewegungen ferner wohl unangenehm, aber nie aufregend, 
weil sie die Maschine von dem Erdboden, dem Erbfeind des Fliegers, entfernen, 
Die abwärts gerichteten Stöße aber, die man Luftlöcher genannt hat, und während 
deren der Flieger selbst in freiem Fall, seine. Maschine aber noch rascher hinab- 
stürzt, Stellen oft die Nerven auf eine harte Probe.« en N 
I Daß aber nicht nur der Flieger unter den Vertikalströmen sehr. zu leiden 
hat, beweisen die beiden folgenden Schilderungen eines Parseval- und eines 
Freiballonführers: . 
»Bei der Fahrt um den Rigi gerieten wir mit dem Luftschiff in den 
plötzlich auftretenden Föhn bei Brunnen, der zuerst das Schiff sowohl von der 
Seite, wie von unten annahm, 350 m aus seiner Höhenlage emporriß und in das 
offene Tal bei Schwyz warf, Als wir dann hinter dem Rigi vorbeifuhren, wurde 
das Schiff von den sonnenbestrahlten Hängen des Roßberges. unaufhaltsam in 
den Schattenkegel des Rigi gezogen und in dreifacher Wirbelbewegung um seine 
Achse gedreht und von 650 m über dem Seespiegel auf 150 m herabgedrückt 
und ebenso auf 670 m in gleicher Wirbelbewegung hochgehoben. In 700 m über 
dem ‚See, also 1130 m über Null, herrschte wieder absolut ruhiges Wetter,« 
(Hochstetter.) 
‚Vormittag 9,15 Uhr gingen wir hoch, dunstige Witterung, fortwährend 
auf- und absteigende Strömungen, Sechsmal wurden wir — bis Max, 3000 m.— 
herauf. und hinunter gerissen, 2.05 nachmittags waren wir auf allen Seiten von 
Gewitterwolken eingeschlossen, unter uns jedoch klarer Himmel. Als wir 3 Uhr 
in 2900 m‘ über dem Kamm des Erzgebirges bei Oberseiffenbach-Heidelberg 
berieten, ob wir landen sollten, ging plötzlich ein heftiges Knistern durch den 
Korb und mein Begleiter erhielt einen leichten, elektrischen Schlag. Es war 
kein Zweifel: Durch unseren Korb war ein Ausgleich zweier entgegengesetzt 
geladenen Wolken erfolgt. Gleich darauf landeten wir in einem heftigen Gewitter- 
sturm mit kurzer Schleiffahrt.« (Poeschel.) 
II. „Luftlöcher“ ohne eigentliche vertikale Luftbewegungen., 
Diese verschiedenen Erfahrungen, deren Zahl sich beliebig. vergrößern 
ließe, zeigen zur Genüge, wie außerordentlich mannigfaltig die Erscheinungen 
sind, die der Luftfahrer als „Luftlöcher“ bezeichnet. Neben kurz dauernden, 
räumlich wenig ausgedehnten, heftigen Vertikalstößen, treten langandauernde auf, 
die den Apparat zum Teil nur um wenige Meter auf- oder abwärts bewegen, 
zum Teil aber eine vertikale Ausdehnung von 3000 m und mehr besitzen und so 
gewaltige Kräfte entwickeln, daß dagegen Ballon- und Flugzeugführer vollkommen 
machtlos sind, Die Abwärtsbewegungen, die besonders unangenehm in ihrer 
Wirkung auf das Gleichgewichtsgefühl sind, gehen häufig bis dicht über den 
Erdboden, wo meist eine Art Pufferwirkung eintritt: Der Apparat gehorcht 
plötzlich wieder dem Steuer; der Ballon beginnt wieder zu steigen. Das tritt 
aber. nicht immer ein und deswegen sind die Vertikalbewegungen in der Nähe 
des Erdbodens, mit dessen gewaltsamer Berührung immer :eine Beschädigung 
des Flugzeuges eintreten wird, ganz besonders gefährlich, In großer Höhe ist 
dagegen ev. noch genügend Raum ‚vorhanden, . eine gefährliche Lage des Flug- 
zeuges zu korrigieren, 
Diese Mannigfaltigkeit der besprochenen Erscheinungen zeigt ohne weiteres, 
daß alle vertikalen Luftströme, oder was der Luftfahrer als solche bezeichnet, 
nicht auf ein und dieselbe Ursache zurückzuführen sind, sondern daß dies Spezial- 
gebiet der meteorologischen Forschung ein überaus mannigfaltiges ist. 
Eine Gruppe von „Luftlöchern“ kann nur vom Flugzeug empfunden 
werden, während der Freiballon sie ohne jede Höhenänderung überwindet, 
Bei dieser besonderen Gruppe ist eine eigenartige. Schichtstruktur in den 
horizontalen Windverhältnissen die Ursache der scheinbaren Vertikalströmung. 
Bekanntlich ist die Windstärke in verschiedener Höhe über dem Erdboden 
nicht dieselbe, Es treten nicht nur allmähliche Übergänge auf, sondern zum 
Teil scharf getrennte Schichten, derart, daß z. B. in der oberen Schicht .der 
Wind gerade die entgegengesetzte Richtung hat. als in der darunter liegenden
	        
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