Ann. d. Hydr. usw., XXXXIIL. Jahrg. (1915), Heft I.
Die Gewässer des Mittelmeeres.
Vorzugsweise nach den Arbeiten des dänischen Forschungsdampfers „Thor“ 1908—1910.
Von Prof. Dr. Gerhard Schott-Hamburg, Deutsche Seewarte.
(Hierzu Tafeln 1 bis 4.)
Einleitung.
Auf die weitreichende und tiefgehende, geographische sowie kulturelle
Eigenart aller Mittelmeerländer übt auch das sie zusammenschließende Mittel-
meer selbst einen entscheidenden Einfluß aus; in hervorragendem Grade bestimmt
es nach mancher Richtung, z. B. nach der klimatischen und verkehrsgeographischen
Seite, geradezu ihren Charakter. Von jeher ist. daher auch das Mittelmeer als
solches der Gegenstand besonderer Betrachtung gewesen; es sei nur an die liebe-
volle Schilderung durch C. Böttger vom Jahre 1859 erinnert. Hierzu kommt,
daß das europäische Mittelmeer, rein ozeanographisch genommen, als das ab-
geschlossenste der großen Mittelmeere der Erde eine ganze Reihe ihm eigen-
tümlicher, natürlicher Besonderheiten seiner Wassermassen aufweist.
Aus diesen Gründen war es eine überaus glückliche und dankenswerte
Idee des hervorragenden dänischen Meeresforschers Dr. Johannes Schmidt,
nach den neuzeitlichen, durch die internationale Ozeanographie reich erprobten
und strengen Methoden die natürlichen Verhältnisse des Mittelmeeres einer
modernen Untersuchung zu unterziehen. Denn wenn auch durch viele frühere
Forscher und Schiffe eine gewisse Grundlage unserer Kenntnisse geliefert war,
so fehlten doch neuzeitliche Messungen, die gleichmäßig alle die einzelnen Becken
nach einem einheitlichen Plane berücksichtigen; besonders fehlte es an
systematischen Tiefseearbeiten zur Physik der Gewässer des westlichen Mittel-
meeres. Und es haben in der Tat die zwei unter der Leitung Schmidts im
Winter 1908/09 und im Sommer 1910 ausgeführten Reisen des dänischen
Forschungsdampfers »Thor« derart überraschend neue und zugleich übersicht-
liche Resultate erbracht, und diese Ergebnisse sind derart vorzüglich schon be-
arbeitet!), daß es nicht nur berechtigt, sondern notwendig erscheint, in einer er-
heblich über den Rahmen einer einfachen Berichterstattung hinausgehenden Form
hiervon auch in dieser Zeitschrift Kenntnis zu geben und dadurch zur verdienten
Würdigung dieser Untersuchungen ein klein wenig beizutragen.
Wenn somit die folgenden Darlegungen in der Hauptsache auf dem neuen
»Thor«-Material beruhen, so: sind doch manche Abschnitte nicht hieraus ent-
nommen, wie z. B. der Abschnitt über die horizontale Verteilung der Wasser-
temperatur in der Oberfläche, der fast ausschließlich auf die durch deutsche
Dampfer gelieferten Beobachtungen zurückgeht und eigens für den vorliegenden
Aufsatz bearbeitet ist. Und bei den übrigen Problemen wurde eine selbständige
Durchdringung des dänischen Materials erstrebt, z. B. der Frage nach dem Wasser-
haushalt des Mittelmeeres eine etwas andere Form gegeben, als durch den
ÖOzeanographen des »Thor« geschehen. Für die Adria aber boten die aus-
gezeichneten Beobachtungen auf den neuzeitlichen Terminfahrten der Österreicher
an Bord S. M. S. »Najade« eine sichere Grundlage.
') Report on the Danish oceanographical expeditions 1908—1910 to the Mediterranean and
adjacent scas, Published‘ at the cost of the Carlsberg Fund under the superintendence of
Dr. J. Schmidt. Vol. I: Introduction. Hydrography. Deposits of the sea-bottom. Copenhagen 1912.
Siehe die Buchanzeige in dieser Zeitschrift; 1914 S. 174. Für die vorliegende Arbeit, die einen Über-
blick vorwiegend geographischen Charakters geben will; bilden die trefflichen Beiträge J. N. Nielsen,
Hydrography of the Mediterranean and adjacent waters (S. 53 bis 192), sowie Jacobsen, Amount of
oxygen in the water of the Mediterranean (S. 207 bis 236) die wichtigsten Teile des Bandes,
Ann. d. Hydr, usw. 1915, Heft I.