Ludewig, P.: Der Einfluß meteorologischer Faktoren auf die‘ drahtlose Telegraphie, 77
Der Einfluß meteorologischer Faktoren auf die drahtlose Telegraphie.
Von Dr. Paul Ludewig.
I. Einleitung.
In den ersten Entwicklungsjahren der drahtlosen Telegraphie war das
Hauptinteresse auf das Problem gerichtet, eine Methode zu finden, nach der
möglichst ungedämpfte Wellen von großer Intensität erzeugt werden konnten,
Die von Markoni bei seinen ersten Versuchen benutzte Schaltung wirkte in
dieser Hinsicht relativ ungünstig, Bei ihrer Anwendung wurden von der Antenne
sehr stark gedämpfte Wellen ausgesandt, die alle in ihrem Bereich liegenden
Stationen, mochten sie genau abgestimmt sein oder nicht, zum Ansprechen brachten,
Diesem Übelstand konnte nur eine Methode abhelfen, die ungedämpfte Wellen er-
zeugt und damit nur die Station zum Ansprechen bringt, die scharf auf die aus-
gesandte Wellenlänge abgestimmt ist. Das war bisher der Hauptgesichtspunkt.
In schneller Folge wurden die in dieser Beziehung erreichten Verbesserungen
bekannt, die sich an die Namen von Braun, Poulson, H. Th. Simon, M. Wien,
Markoni, Goldstein, Graf Arko knüpfen. Heute sind wir in dieser Beziehung
soweit gekommen, daß das Ideal der ersten Entwicklungsjahre nahezu erreicht
ist. Der Lichtbogen nach Poulson und H. Th. Simon, die Stoßerregung nach
M. Wien, die Markonischen neuen Erregungsmethoden, die Hochfrequenz-
maschinen von Goldstein und Graf Arko: sie alle erstreben und erreichen mit
einigen kleinen Einschränkungen das gewünschte Ziel. Es gibt heute nicht nur
eine, sondern wie die Zahl der Namen sagt, eine Anzahl von Methoden, die un-
gedämpfte oder wenigstens praktisch ungedämpfte Schwingungen erzeugen, so
daß damit in dieser Beziehung ein gewisser. Abschluß in der Entwicklung ein-
getreten ist.
Bei der praktischen Durchführung dieser Neuerungen traten neue Probleme
auf. Parallel mit der Vervollkommnung. der Sendeapparatur ging das Streben
möglichst große Entfernungen zu überbrücken. Es war schon bei den Versuchen
über kleinere Entfernungen die Tatsache ab und zu hervorgetreten, daß die über-
brückte Entfernung nicht nur von der Beschaffenheit der Sende- und Empfangs-
apparaturen abhängt, nicht nur von der mehr oder minder großen Dämpfung
der Wellen oder der Empfindlichkeit des Detektors. Es schien vielmehr, daß
auch die’ Wirkung verschieden war, je nachdem am ‘Tage oder in der Nacht
Versuche gemacht wurden. Diese Tatsache trat ganz besonders deutlich hervor
bei den ersten Versuchen über große Entfernung, die Markoni veröffentlichte.
Er fand, daß bei einem Versuch, von England nach Amerika drahtlos zu
telegraphieren, die Empfangsintensität in der Nacht das Zwei- bis Dreifache der-
jenigen am Tage betrug. Damit trat die Wirkung eines Faktors in die draht-
lose Telegraphie ein, der bisher vollkommen unberücksichtigt gelassen war und
der von nun an eine wichtige Rolle in der Entwicklung spielt: der Einfluß, den
meteorologische Faktoren auf die Wellen beim Durchlaufen des zwischen Sende-
und Empfangsstation liegenden Zwischenraumes ausüben. Wir stellen im folgen-
den die Resultate der in dieser Richtung zielenden Versuche zusammen.
IT. Die Ausbreitung der elektrischen Wellen.
Eine Antenne strahlt elektrische Wellen aus, die sich längs der Erdober-
fläche ausbreiten. Sieht man zunächst von der Kugelgestalt der Erde ab, so
nimmt die Amplitude mit zunehmender Entfernung r ab, und zwar ist ihre
Größe umgekehrt proportional r. Dies ist jedoch nicht ‚ohne weiteres gültig,
vielmehr bestehen Unterschiede, je nachdem der Boden gute oder schlechte
elektrische Leitfähigkeit hat und besonders je nach der Größe der Wellenlänge.
Mit zunehmender Wellenlänge erhält man bei gleicher Energiezufuhr zur Antenne
eine viel größere Reichweite als bei kleinen Wellen. Nehmen wir aber an, daß
wir unsere Betrachtung auf eine bestimmte Wellenlänge und auf eine bestimmte
Beschaffenheit des Erdbodens beschränken, also z. B. auf Versuche zwischen zwei