74
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Februar 1914.
Weg ins Karische Meer einzuschlagen. Die einen halten den Jurgorski Schar
für geeigneter, die anderen das Karische Tor, die dritten schlagen in gewissen
Fällen den Nordweg um Nowaja Semlja vor oder den Matotschkin Schar.
Infolgedessen sind auch die von verschiedenen Forschern vorgeschlagenen Schiff-
fahrtsregeln fürs Karische Meer lange nicht identisch. Was die Maßregeln
anbetrifft, die den Seeverkehr mit Sibirien regulieren und ihn weniger gefahrvoll
machen sollen, so stimmt auch in dieser Frage die Mehrzahl der Forscher überein,
Viele der vorgeschlagenen Maßregeln sind zur Zeit bereits ausgeführt. Es sind Auf-
nahmen der Küste der Ob-Jenissei-Bucht und der Meerengen gemacht worden, Karten
des Meeresbodens sind gezeichnet worden, im vorigen und auch in diesem Sommer
endlich sind Expeditionen ausgesandt worden zur Aufstellung von Radiotelegraphen
im Jugorski Schar, auf Waigatsch und an der Küste der Baidarata - Bucht.
Die Schlüsse, zu denen wir auf Grund unserer Untersuchungen gelangt
sind, bestätigen die Folgerungen über die große Bedeutung des Karischen Meeres
für die Seeverbindung mit Sibirien, und machen uns mit den Bedingungen
bekannt, unter welchen dieses Meer für die Schiffahrt zugänglich erscheint.
Diese Schlüsse sind folgende:
1. Die günstigsten Monate für die Schiffahrt im Karischen Meere sind der
August und September. In der von uns untersuchten Zeitperiode von 1869 bis
1911 lassen sich nur ganz vereinzelte Fälle aufzählen, in denen das Karische Meer
während dieser zwei Monate der Schiffahrt unzugänglich war und es nicht einem
einzigen Schiffe gelang, zu den Mündungen des Ob und des Jenissei zu gelangen,
Solche Jahre waren 1882 und 1883. Hovgaard ist jedoch der Ansicht, daß es
ihm im Jahre 1882 wohl gelungen wäre, ungeachtet der schwierigen Eis-
verhältnisse längs der Küste Jalmals zur Mündung des Jenissei zu gelangen,
wenn ihn nicht die Notwendigkeit der Hilfeleistung in Not geratener Schiffer
gezwungen hätte, vom Wege abzuweichen und in kompakte Eismassen einzu-
dringen. Wie wir oben gesehen haben, ist das Karische Meer im August und
September eisfrei, zuweilen im Norden, zuweilen im Süden, fast immer im Osten,
an der Küste Jalmals, zuweilen wird es frei auf seiner ganzen Fläche und nur
in äußerst seltenen Fällen, ein oder zweimal während der ganzen von mir unter-
suchten Periode, war es im Laufe des ganzen Sommers von Treibeis angefüllt.
Wir müssen also zugeben, daß das Karische Meer in der Tat voll-
kommen geeignet ist für eine ständige Verbindung mit Sibirien. Die
Frage über die Zugänglichkeit läuft nun darauf hinaus, welcher Weg im ge-
gebenen Jahre zu benutzen ist, welche Meerenge zu wählen und welche Kurs-
richtung im Meere selbst einzuschlagen ist. Die Antwort darauf gibt die vorher-
gehende Untersuchung.
2, In den meisten. Fällen benutzten die Expeditionen, die sich zu den
Mündungen der Ob und Jenissei hinbegaben, den Jurgorski Schar, um ins Karische
Meer zu gelangen. Dieser Weg hat ohne Zweifel vieles für sich. Selbst in den
Fällen, wo der südliche Teil des Karischen Meeres den größten Teil des Sommers
über von schwerem Treibeis angefüllt ist, wird diese Meerenge, wenn auch
relativ spät und nur auf kurze Zeit, eisfrei, und es ist möglich, durch das Meer
hindurch zum Ob-Jenissei-Busen zu gelangen, falls man sich die ganze Zeit über
in der Nähe der Küste hält (der Baidarata-Bucht und des Jalmal). Die Erforschung
der Eisverhältnisse des Karischen Meeres in den verschiedenen Jahren läßt uns
schließen, daß der Weg durch diese am südlichsten liegende Meerenge nicht
immer vorzuziehen ist. Indem wir diesen oder jenen Weg zur Erreichung des
Jenissei wählen, müssen wir vor allem mit der Eisverteilung des Karischen
Meeres im gegebenen Jahre rechnen,
Entspricht die Eisverteilung im gegebenen Jahre dem Typus a, so ist es
vorteilhafter, den Weg um das Nordende Nowaja Semljas einzuschlagen, da wir
weder am Nordende Nowaja Semljas noch im Norden des Karischen Meeres auf
dem Wege zur Mündung des Jenissei Eis antreffen dürften. Man kann auch
durch den Matotschkin Schar ins Karische Meer hineingelangen, da er, im Falle
der Eisverteilung nach Typus a, verhältnismäßig früh vom Eise frei wird. Nach
Passieren des Matotschkin Schar setzen wir uns aber meistenteils der Gefahr