Wolff, C.: Die Genauigkeit der astronomischen Ortsbestimmung auf See, 613
Auch wenn er abends sämtliche Standlinien des Tages zusammen vor sich
hat, so fragt sich noch, ob. die Konstruktion der Versetzung möglich ist, denn
die kann nur gelingen, wenn die Versetzung stark genug ist, um nicht durch die
Ungenauigkeiten der Standlinien verwischt zu werden, und dann muß es immer
noch dem Urteil des Schiffsführers überlassen bleiben, ob er die so gefundene
Versetzung für möglich hält oder nicht, denn sie kann ebensowohl durch einen,
bei einer der Standlinien begangenen Fehler gefälscht werden als dadurch, daß
eine der Standlinien durch Beschleunigung oder Stauen des Stromes nicht den
Platz einnimmt, den sie nach dem Zeitverhältnis haben müßte, Er gerät damit
aus dem Gebiet der reinen Mathematik in den Bereich der Schätzung, und muß
ohne allen Zweifel vorziehen, sich in der Abenddämmerung mit Hilfe von Sternhöhen
einen sicheren Punkt zu verschaffen,
Der Verfasser selbst ist sehr vorsichtig in seinen Schlußfolgerungen. Er
sagt: »Die Annahme gleichmäßiger Versetzung wird in manchen Fällen nicht
zutreffen, Aber selbst dann wird die Zusammenzeichnung aller Standlinien ein
Gesamtbild der wahren Ergebnisse liefern.« Das ist sicher richtig, und wenn
man wirklich zu keinem Schluß kommen kann, so ist es immer noch besser, sich
der Unsicherheit seiner Position bewußt zu sein, als daß man glaubt, durch den
Schnittpunkt zweier Standlinien im Besitz eines durchaus sicheren Stützpunktes
für die Weiterfahrt zu sein. Besonders beachtenswert ist der Nachweis, daß auch
das Zusammenlaufen dreier Standlinien in einem Punkt keine Gewähr für ihre
Richtigkeit bietet, wenn sie zeitlich auseinander liegen, und eine in bestimmter
Richtung erfolgte Stromversetzung eingewirkt hat. Auch das Zusammentreffen
von vier oder noch mehr Standlinien bietet keine Garantie, wenn wir dem Strom
eine kleine Kurve erlauben, die ebenso wohl möglich, vielleicht wahrscheinlicher
ist, als sein gleichmäßiger gradseitiger Verlauf, und stehen somit der interessanten
Tatsache gegenüber, daß bei der ausschließlichen Ortsbestimmung nach
der Sonne in manchen Fällen eine genaue Position nicht erzielt werden kann.
Bei der Betrachtung der Beispiele Runges fällt sofort in die Augen, wie ‘ungemein
einfach seine Konstruktion wird, wenn gleichzeitig zwei Höhen beobachtet
werden. ;
Noch besser ist, in der Morgendämmerung ein Standliniendreieck zu bilden,
mit dessen Mittelpunkt der Ausgangspunkt der Rungeschen Versetzungslinie in
für die Begriffe der Praxis einwandfreier Weise sich darstellt. Für die weitere
Bestimmung der Versetzung stehen stets eine ganze Reihe von Vormittagshöhen
zur Verfügung und für den Endpunkt in der Regel die Meridianbreite der
Sonne, welche aus bekannten Gründen besonders zuverlässig ist. Wir müssen
uns dabei stets vor Augen halten, in welcher Weise ein etwaiger Fehler der
Standlinie auf das Resultat wirken wird; wenn das Standliniendreieck für 64V
gilt und die Vormittagshöhe falle auf 9® V, also in die Mitte zwischen das Dreieck
und Mittag, so wird ein solcher Fehler mit dem doppelten Betrage das Mittagsbesteck
fälschen. Die Wirkung der Fehler wird um so stärker, je früher die
Sonnenhöhe beobachtet ist. Bei einer um 8% genommenen Höhe würde schon ein
Fehler von einer Bogenminute die Rungesche Verbesserung einer Versetzung von
einer Seemeile pro Stunde, also einer recht beträchtlichen, zunichte machen, Je
näher aber am Mittag die Höhe angestellt wurde, desto weniger wird ein Fehler der
Höhe sich bemerkbar machen; mit anderen Worten, je mehr die letzte Vormittagshöhe
als mit der Mittagshöhe gleichzeitig beobachtet gelten kann. Dann aber ist
eine Verbesserung des Mittagsbestecks nach Runge nicht mehr erforderlich,
sondern die Entfernung des Standliniendreiecks vom Mittagsorte gibt mit aller
erreichharen Genauigkeit die stattgehabte Besteckversetzung. .
Zu guter astronomischer Ortsbestimmung ist erforderlich, die Höhen nach
Möglichkeit gleichzeitig oder mit so geringen Abständen zu machen, als die
Azimutalverhältnisse gestatten, wenn möglich, die zugleich mit der Sonne sichtbaren
Gestirne, den: Mond und die Venus so viel wie möglich auszunutzen, Die
beste Ortsbestimmung erfolgt in der Dämmerung, wenn mehrere Gestirne gleichzeitig
sichtbar sind. Je mehr Standlinien zu einer Ortsbestimmung vereinigt
werden, desto besser, denn geübte Beobachter, mit besten Sextanten und Sextanten-Ann.
d. Hydr. usw. 1914, Heft XI.