612 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1914,
13° C angestellt wurden. Bei Anbringung der Korrektion liefen die Standlinien
weit auseinander, ohne Korrektion fielen sie genau zusammen, und der danach
festgestellte Chronometerstand stimmte bei der zwei Tage später erfolgenden
Ankunft in Yokohama beim Vergleich mit dem Zeitball auf eine Sekunde. In
der Folgezeit haben Hunderte von Besteckbestimmungen ohne diese Korrektion
untereinander genau übereingestimmt. Wenn auch die Wärmeunterschiede im
Chinesischen Meer nicht allzu groß sind, so hätten sie doch in der Größe der
erzielten Dreiecke zum Ausdruck kommen müssen, wenn sie die ihnen zu-
geschriebene Wirkung ausübten. Es scheint danach, daß die im Roten Meere
und in der Adria beobachteten Kimmhebungen und -senkungen nicht überall
vorkommen. Die Korrektion ist daher außerhalb der betreffenden Meere nur
mit der größten Vorsicht anzuwenden.
Die in den erwähnten fünf Monaten angestellten Höhenmessungen ver-
teilten sich auf die einzelnen Gestirne wie folgt: Sonne 313, Mond 22, Pla-
neten 44, Nordstern 47, andere Fixsterne 160, zusammen 586.
Die Sonnenhöhen sind aus bekannten Gründen in der Mehrzahl, weil die
Sonne am leichtesten die Wolkenschichten durchdringt, und Beobachtung und
Rechnung bei Tage durch den wachhabenden Offizier allein durchgeführt werden
kann und weil die Rechnung am kürzesten und daher am sichersten ist. Fassen
wir aber die Genauigkeit der erzielten Position ins Auge, so muß die altmodische
Besteckbestimmung nach der Sonne vor der nach gegenüberliegenden gleich-
zeitigen Sternhöhen in der Dämmerung oder selbst des Nachts bei Mondschein
and guter Kimm bedingungslos die Flagge streichen. Nicht nur wegen der
zwischen den Sonnenhöhen möglichen vielleicht bedeutenden Versetzung, sondern
auch wegen größerer Ungenauigkeiten der Sonnenhöhen, welche wahrscheinlich
infolge der verschiedenen Auffassung der Kimm bei starker Sonnenblendung
entstehen und in Differenzen unter den einzelnen Beobachtern bei gleichzeitigen
Höhen zum Ausdruck kommen,
Eine genaue Ortsbestimmung nach der Sonne bietet bedeutend mehr
Schwierigkeiten als eine solche nach Sternbeobachtungen. Das ist in treffender
Weise in einem lesenswerten Aufsatz von Herrn C. Runge ausgeführt, der im
Januar vorigen Jahres in dieser Zeitschrift!) erschienen ist. In diesem Aufsatz
wird die Möglichkeit behandelt, aus vier über den ganzen Tag verteilten Sonnen-
höhen durch geometrische Konstruktion den Ort bei jeder Höhe und die Ver-
setzung während der ganzen Zeit zu bestimmen.
Der wunde Punkt des vorgeschlagenen Verfahrens ist, daß eine den ganzen
Tag über gleichbleibende Versetzung zugrunde gelegt wird. Die Versetzung
besteht aber .aus so vielen Faktoren, Abtrift durch Wind, Strom, Kurs- und
Distanzfehlern, daß sie unmöglich alle für einen so langen Zeitraum und eine
entsprechend weite Strecke als gleichbleibend angenommen werden können, Selbst
wenn der Strom auf offenem Ozean im Mittel nach einer bestimmten Richtung
setzen würde, so wird doch die wechselnde Stärke des Windes schon starke
Schwankungen in seiner Geschwindigkeit eintreten lassen. Er wird zeitweise
beschleunigt werden, manchmal aufstauen oder gar zurückfluten. Beim Anlaufen
des Landes, wobei das Schiff aus dem Triftstrom in die Küstenströmung und aus
dieser wieder in das Hin und Her der Gezeiten hineinläuft, müßte es sogar als
grober Fehler bezeichnet werden, wollte man aus der im letzten Etmal fest-
gestellten Versetzung einen Schluß für die Weiterfahrt ziehen. Die vorgeschlagene
Verteilung der Höhen auf 9 bis 14 Stunden, also vom frühen Morgen bis zum
Abend entspricht nicht den Anforderungen der Praxis. Sobald klares Wetter
eingetreten ist, will man so schnell wie möglich die Position fixieren. Runges
Beobachter in seiner Fig. 4%), der früh am Werke ist, denn er mißt schon um
4h 49min morgens seine erste nur 831/„,° betragende Sonnenhöhe, kommt doch viel
zu spät, denn er könnte schon ein vollständiges und in sich abgeschlossenes
Besteck vorfinden, das aus eine Stunde früher in der Dämmerung gemessenen
Sternhöhen stammt.
1) »Ann. d. Hydr. usw.« 1913, 8. 24 If
2) aa 0.8 28.