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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 42 (1914)

Wolft, C.: Die Genauigkeit der astronomischen Ortsbestimmung auf See, 611

überein, so müssen sie als richtig angenommen werden. Ist ein kleiner Unterschied
 da, so wird das Mittel der Wahrheit sehr nahekommen. Die Länge erhält
 man auf dieselbe Weise durch Gegenüberstellung von Höhen im. ersten und
letzten Vertikal. Das war schon 1901 in der »Hansa« zu lesen. Es hat sich
als praktisch erwiesen, nicht auf Sterne in bestimmter Richtung zu warten,
sondern aus drei der hellsten Sterne, welche über klarer Kimm sichtbar und
möglichst gleichmäßig auf den Umkreis des Horizontes verteilt sein müssen, ein
Standliniendreieck zu bilden, dessen Mitte, ohne Mühe durch Augenmaß bestimmt,
den Schiffsort darstellt und zugleich das Maß der Genauigkeit der Ortsbestimmung
 angibt.
Die Vorzüge des mehrmaligen Einschneidens sind auch in der Navigationskunst
 nicht unbekannt. So hat man z. B. schon lange an Stelle der früheren
Doppelpeilung im Vorbeifahren eine dreifache Peilung gesetzt. Auch bei Kreuzpeilungen
 wird der vorsichtige Brückenoffizier, sobald er über die Identität eines
der Peilobjekte im unklaren ist, eine Kontrollpeilung nach einem dritten Punkte
anlegen und erblickt mit Recht in dem Zusammentreffen der drei Peilungslinien
eine Gewähr für ihre Richtigkeit. Wenn schon bei so einfachen Handhabungen
eine besondere Versicherung angebracht erscheint, so ist sie um so mehr geboten
bei der viel komplizierteren astronomischen Ortsbestimmung. Auch diese Möglichkeit
 ist schon mehrfach erörtert worden. Doch gelangt man über rein theoretische
 Betrachtungen, wie wohl bei weit auseinanderfallenden Standlinien der
wahrscheinlichste Schiffsort zu konstruieren sei, nicht hinaus. ‚Der Kern der
Sache, welcher darin besteht, daß die Höhen normaler Beobachter so genau sind,
daß die Standlinien sich annähernd an derselben Stelle treffen, bleibt unberührt,
Während zwei Standlinien sich immer irgendwo schneiden, auch wenn
eine oder alle beide mit noch so großen Fehlern behaftet sind und
die Fehler unsichtbar bleiben, so muß jede weitere Standlinie erweisen,
 ob alle Beobachtungen und Rechnungen richtig sind, denn nur
dann können sie an einer Stelle zusammenlaufen. Dieser Satz kann nicht häufig
genug wiederholt und dem Schiffsführer‘ nicht eindringlich genug empfohlen
werden. Daß durch Zufall mehrere Fehler sich ausgleichen können, ändert
nichts an seiner Richtigkeit, soweit gleichzeitige Höhen in Frage kommen.
Vom 28./VIII 1913 bis 8./II. 1914 wurden auf einem Dampfer des Norddeutschen
 Lloyd 108 Besteckbestimmungen durch drei und mehr Standlinien
gemacht. Von den gewonnenen Standlinienvielecken waren 79 so klein, daß ein
mit dem Halbmesser einer Seemeile beschriebener Kreis darin keinen Platz fand.
Bei 22 war Raum vorhanden für Kreise von 1 bis 1!/, Sm. Bei vieren wuchs
der Halbmesser. des eingeschriebenen Kreises auf 2 bis 2'/, Sm und bei drei
unter schwierigen Verhältnissen ausgeführten auf 3 bis 4 Sm. Diese letzteren
galten als mißlungen und wurden für die Navigation nicht berücksichtigt.
Sämtliche vom Schiffsführer und vier Offizieren angestellten Höhenmessungen
wurden in ein besonderes Heft eingetragen, dessen Seiten quadriert und mit
rotem Mittelkreuz als dem für alle Höhen gültigen und sich automatisch mit
der Segelung verschiebenden Loggeort versehen waren. Keine Beobachtung,
einmal genommen, durfte ausgelassen werden, In manchen Fällen konnte die
Richtigkeit des gefundenen Bestecks mit Landpeilungen verglichen werden, und
nie zeigten sich Differenzen, welche nicht ebensogut auf Rechnung kleiner
Mängel der Vermessung oder des Chronometerfehlers hätten geschrieben werden
können. Es handelt sich also nicht um ein paar Paradehöhen, sondern ein nach
langer Erprobung unter allen möglichen Verhältnissen bewährtes Beobachtungssystem,
 welches eine Sicherheit bietet, die dem Zweihöhenproblem in keiner
Weise eigen ist. Dieses Gefühl der Unzulänglichkeit des Zweihöhenverfahrens
drängte sich uns besonders stark auf, als wir in 22 Fällen uns damit begnügen
mußten, weil nichts Besseres zu haben war.
Es muß hier eingeschaltet werden, daß die Korrektion für Wärmedifferenzen
 von Luft und Wasser niemals berücksichtigt wurde, Zu diesem Entschluß
 bot eine Reihe von Höhenbeobachtungen Anlaß, welche im Januar 1906
im Kuro Siwo an der japanischen Küste bei einem Temperaturunterschiede von
            
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