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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 42 (1914)

5610 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1914. 
rücksichtigung des Wärmeunterschiedes von Luft und Wasser auf 5’ an. Dann 
soll man sich unter Umständen noch auf erheblich größere Fehler gefaßt machen. 
Dazu kommen noch Beobachtungsfehler und das Abrunden beim Ablesen und 
Rechnen, gar nicht zu reden von nächtlicher Ortsbestimmung, Vergegenwärtigen 
wir uns, welche Wirkung die hier angegebenen Fehlergrößen auf das Ergebnis 
haben müssen, und bleiben wir, um nicht in Extreme zu fallen, bei einem mög- 
lichen Fehler von vier Bogenminuten. Da der Fehler auf beiden Seiten liegen 
kann, so wird die aus der Höhe erzielte mathematische Standlinie zu einem 
Streifen von nicht weniger als 8 Sm Breite, und bei zwei Höhen wird der 
Schnittpunkt der Standlinien zu einem ausgedehnten Parallelogramm, in welchem 
der Schiffsort liegen kann. Angenommen, daß auf 50° N-Br. und 20° Süd- 
Deklination die Sonne um 9% V eine Höhe von 91/,° erreicht. Beobachten 
wir jetzt und wieder des Mittags, so schneiden die Standlinien sich in einem 
Winkel von 421/,°%, und schon in diesem verhältnismäßig günstigen Falle mißt 
die lange Diagonale des entstehenden Parallelogramms 21 Sm, und der Schiffsort 
kann 101/, Sm nach ONO oder WSW vom Schnittpunkt der Standlinien entfernt 
liegen. Droht die Sonne zu verschwinden, so daß die letzte Beobachtung schon 
um 11% 30min erfolgen muß, so beträgt der Winkel nur 34°, und die Diagonale 
erreicht eine Länge von 27 Sm, Liegen die Verhältnisse noch ungünstiger, wie 
häufig genug vorkommt, so daß der letzte Sonnenstrahl schon eine ganze Stunde 
vor Mittag den Zickzackweg durch die Sextantenspiegel gegangen ist, so spitzt 
sich der Winkel auf 27'/,°, und die äußeren Ecken des Parallelogramms nehmen 
einen Abstand von nicht weniger als 33 Sm ein, Dabei ist der Chronometer- 
fehler, der ja das ganze Parallelogramm nach Ost oder West verschieben würde, 
und etwaige Versetzung zwischen den Höhen noch nicht in Betracht gezogen. 
Sollte man wirklich genötigt sein, Höhenfehler von fünf und noch mehr Minuten 
in die Rechnung einzustellen, so wäre es mit der Zuverlässigkeit astronomischer 
Ortsbestimmung übel bestellt, und man könnte sehr weite Distanzen mit größerer 
Sicherheit nach Kompaß, Logge und den übrigen Hilfsmitteln der Schiffahrt 
zurücklegen, Unterschätzung des möglichen Fehlers kann in Fährlichkeit führen, 
maßlose Überschätzung dagegen ist ebenso schädlich, denn sie ist nicht dazu an- 
getan, den Schiffsführer zu der manchmal recht mühsamen Ausnutzung aller 
Möglichkeiten der astronomischen Steuermannskunst anzuspornen, Es soll hier 
gezeigt werden, daß das astronomische Besteck doch etwas mehr bietet als nur 
einen Näherungswert, sondern einen für die Erfordernisse der Schiffahrt durch- 
aus zuverlässigen Ort. 
Wenn eingewandt wird, daß die verschiedenen Fehler sich wahrscheinlich 
nicht addieren, sondern ausgleichen werden, so muß dem entgegengehalten 
werden, daß die Sicherheit eines Schiffes nicht auf Wahrscheinlichkeiten ge- 
gründet werden darf, und daß so manche Strandung auf einer solchen Addition 
beruht (Zusammentreffen mehrerer ungünstigen Umstände). 
Die im Breusing angegebenen Fehlermaße beruhen, abgesehen von rein 
theoretischen Erwägungen, auf den Kimmtiefenmessungen von Koß und Hohen- 
stein im Roten Meere und in der Adria. Der Schiffsführer selber hat wenig 
Gelegenheit, sich von der absoluten Richtigkeit des astronomischen Bestecks zu 
überzeugen. Kommt die Küste in Sicht, so wird ohne weiteres nach Landmarken 
weiter gefahren. Wird bei passender Gelegenheit die Mittagshöhe der Sonne mit 
beobachtet, so zeigt sie stets eine vortreffliche Übereinstimmung mit den Kreuz- 
peilungen, Im übrigen bleibt nur der Vergleich der astronomischen Orts- 
bestimmungen untereinander und mit der Logge. Fast niemals kann von einer 
genauen Kontrolle die Rede sein, Das liegt an dem gegenwärtig üblichen Be- 
obachtungssystem, ’das sich in der Hauptsache nur mit Sonnenhöhen befaßt und 
ganz auf das sogenannte Zweihöhenproblem aufgebaut ist, Der Schiffsführer 
hat nicht nötig, sich in bezug auf die Genauigkeit seines Bestecks mehr oder 
weniger vagen Vermutungen hinzugeben, sondern kann sich mit dem Sextanten 
in der Hand durch Gegenüberstellung mehrerer kurz nacheinander gemessener 
Höhen hierüber selbst ein genaues Urteil bilden, Stimmen z. B. die aus dem 
Nordstern und gleichzeitig aus einem Stern im Südmeridian berechneten Breiten
	        
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