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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 42 (1914)

G. Schott: Adiabatische Temperaturänderung in großen Meerestiefen. 3839

Da im Schwarzen Meere das Tiefenwasser stagniert, so dürfte nach dem,
was oben S. 336 über die notwendige Zirkulation des Tiefenwassers als einer
Voraussetzung für adiabatische Temperaturgradienten gesagt wurde, im Schwarzen
Meere die hier besprochene Erscheinung fehlen, Wenn gleichwohl aus den älteren
russischen Beobachtungen eine in Zehntelgraden sich bewegende Wärmesteigerung
bis zum Boden zu folgen scheint, so wird sie wahrscheinlich — sofern sie überhaupt
einer Nachprüfung durch Kippthermometer standhält — analog den Verhältnissen
in der Ostsee mit Salzgehaltszunahme verbunden sein, also eben deshalb nicht
adiabatischen Charakter haben.
Im Bereiche des offenen Atlantischen Ozeans erscheint keineStelle zur Prüfung
adiabatischer Wärmeverteilung geeigneter als die nahe dem Äquator unter rund
18° W-Lg. gelegene, um mehr als 4000 m in die Umgebung eingesenkte Romanche-Tiefe
 (bis 7300 m). Die Wassermassen dieser ganzen Gegend sind ständig und
überall in starker Bewegung, und wenn man sich ein naturgetreues Profil dieser
Tiefe vorstellt, erkennt man, daß sicherlich auch die tiefsten Stellen dieses kleinen
Kessels irgendwie von der ozeanischen Zirkulation mit ergriffen sein werden.
Die deutsche Südpolar-Expedition auf dem »Gauss« hat ausgehend und rückkehrend
 hier mehrfach gelotet; doch fallen die gewonnenen Bodentemperaturen,
die mir Prof. E, v. Drygalski aus dem ganzen Umkreis der Zone freundlichst
zur Verfügung stellte, nicht gerade in die großen Tiefen des Kessels und sind
auch, der damaligen Zeit entsprechend, wohl nicht ganz so genau, wie wir
sie heute unter günstigen Umständen erhalten können. Eine Nachprüfung wird
freilich gerade infolge des starken Oberflächenstromes mit sehr erheblichen
Schwierigkeiten verknüpft sein,
Ob das Rote Meer in den tiefen Bodenschichten einen adiabatischen
Temperaturgradienten besitzt — wenigstens in teilweiser Ausbildung, wie im
Mittelmeer — oder ob es wie der Tanganikasee rein homotherm ist, bleibt vorläufig
 zweifelhaft; an und für sich würde wegen der überaus hohen Temperatur
auch der untersten Wasserlager die ’adiabatische Wärmesteigerung gerade hier
extrem hohe Beträge erreichen können.
Das klassische Gebiet für adiabatische Temperaturzunahme in ganz großen
Meerestiefen dürften die den Stillen Ozean umrandenden Gräben darstellen,
einschließlich der hinterindisch - malaiischen Becken und Gräben. Von der
Andamanen-See und dem Sunda-Graben im Westen angefangen bis zum Atacama-Graben
 im Östen bieten die randständigen Einsenkungen dieses Meeres höchstwahrscheinlich
 sämtlich im Prinzip dieselbe Wärmeverteilung unterhalb der
Schwellentiefe, die wir nun aus den Arbeiten von S, M. S. »Planet« im Philippinenund
 Neupommern-Graben kennen; der Satz von der Temperaturgleichheit unterhalb
der Zugangstiefe dürfte hier zu ersetzen sein durch den Satz von der adiabatischen
Temperaturänderung in derselben Schicht, Auch die bisherige Lehre, daß man
aus der Temperatur der »homothermen« Schicht auf das Niveau der Zugangstiefe
zurückschließen könne, wird in diesen Gebieten voraussichtlich dahin abgeändert
werden müssen, daß erst nach Feststellung der niedrigsten Temperatur im
gesamten Wärmeprofil eines Beckens und nach Vergleich des Niveaus dieser
Temperatur mit dem Niveau derselben Temperatur im offenen Meer ein sicherer
Anhalt für die größte Zugangstiefe gewonnen ist. ;
S. M. S. »Möwe«, das für ozeanographische Tiefseearbeiten in gleicher
Weise wie »Planet« ausgerüstete zweite Vermessungsschiff der Kaiserlichen
Marine, wird im Herbst dieses Jahres (1914) von Deutsch-Ostafrika voraussichtlich
über Ceylon—Singapore quer durch die hinterindisch-malaiischen Gewässer nach
den Westkarolinen (Palau) sich begeben und dabei auf Verfügung des Reichs-Marine-Amtes
 nach Möglichkeit auch diesem hier behandelten, überaus interessanten
Problem in mehreren Gräben und Becken nachzuforschen Veranlassung nehmen.
Die bevorstehende Reise der »Möwe« stellt eine unübertreffliche Gelegenheit
für diesen Sonderzweck dar. Da das Reichs-Marine-Amt auch genehmigt hat,
daß der Geograph Dr. B. Schulz-Hamburg, der mehrere Jahre freiwilliger
Mitarbeiter der ozeanographischen Abteilung der Seewarte gewesen ist, die Reise
mitmacht und das Kommando S. M. S. »Möwe« tunlichst bei dieser wissenschaft-
            
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