Grossmann und Perlewitz: Gebrauch von Wetterregeln an der deutschen Küste, 17
Es gibt gewiß Anzeichen von kommendem Wetter, diese Anzeichen sind aber so
markant, daß gewiß jeder Seemann sie kennt. Meistens ist das schlechte
Wetter aber dann schon so nahe, daß es sich nur noch um eine kurze
Frist handelt, bevor das Wetter losbricht. Wie schlimm es aber mit dem
Wetter wird, ist immer noch nicht vorher zu bestimmen. Mitunter sieht die
Luft furchtbar drohend aus, und das Wetter wird gar nicht so schlimm, ein
andermal sieht die Luft längst nicht so drohend aus, und es wird sehr schlimm.
Für den Seemann, finde ich, ist, wenn er sich auf See befindet und ihm die
amtliche Wetterprognose nicht zugänglich ist, das Barometer der einzige wahre
Wetterprophet; natürlich darf man das Aussehen des Himmels trotzdem niemals
außer Betracht lassen: Es kommt ja auch darauf an, was man mit „schlecht
Wetter“ bezeichnet. Für den Seemann ist doch eigentlich nur Sturm „schlecht
Wetter“; Nebel ist ja auch sehr unangenehm, man bezeichnet aber Nebel doch
nicht mit „schlecht Wetter“.«
Ein anderer Bericht aus Cuxhaven von einem früheren Seemann führt an,
daß dem Verfasser nur wenige Wetterregeln im Sinne des Fragebogens bekannt
geworden seien, er habe sich während seiner Fahrzeit stets an die folgenden
Punkte gehalten: »1. Wenn schlecht Wetter war, blieb ich im Hafen; 2. wenn
mich auf See schlecht Wetter überraschte, hieß es, „was kommt, muß gelten“.
Hier hat es sich häufig herausgestellt, daß die Wetterregeln falsch waren, den
aus dem Aussehen der Luft sollte schon bald gut Wetter eintreten, aber es wurde
statt besser schlimmer, Ob es Regeln gibt oder nicht, das kümmert den Fischer
nicht. «
Von einer Würdigung der eingesammelten Wetterregeln soll hier abgesehen
werden. Eine Prüfung einzelner Regeln würde auf Grund der Beobachtungen
und Registrierungen meteorologischer Stationen gewiß teilweise möglich sein,
aber für jede Regel, falls ein zuverlässiges Urteil gewonnen werden sollte, eine
sehr umfangreiche Arbeit erfordern, deren Erfolg von vornherein wegen der
häufigen Ausnahmen als nicht im Verhältnis der aufzuwendenden Mühe stehend
anzusprechen ist. Eine Prüfung der großen Mehrzahl der Regeln würde aber
mittels solcher Beobachtungen und Registrierungen überhaupt nicht ausgeführt
werden können.
Um in der nun folgenden Zusammenstellung anzuzeigen, wie der Glaube
an die einzelnen Wetterregeln mehr oder weniger verbreitet ist, sind diesen
Regeln in Klammern Zahlen hinzugefügt worden, die die Häufigkeit des Vor-
kommens der Regeln in den eingereichten Zusammenstellungen angeben, wobei
jedoch die Kennzeichnung einer nur einmal angeführten Regel durch eine (1)
nicht stattgefunden hat. Im allgemeinen werden wir berechtigt sein, der häufiger
wiederkehrenden Regel ein größeres Vertrauen entgegenzubringen, doch wird
uns die noch heute so verbreitete Zuversicht zu dem das Wetter beherrschenden
Einfluß des Mondes, dem alle wissenschaftlichen Bemühungen auf statistischer
Grundlage bis heute nicht nachzuweisen vermocht haben, auch bei jener Methode
der Wertschätzung zur Vorsicht mahnen. .
Die eingesammelten Wetterregeln sind nicht nach dem Inhalte der Vor-
aussage, sondern nach den Wahrnehmungen, die zu einer Voraussage Anhalt
gewähren, geordnet, da nicht selten eine und dieselbe Erscheinung als die Grund-
lage verschiedener und teilweise entgegengesetzter Vorhersagen vorkommt. Um
die Fülle merkwürdigen, meist veralteten Aberglaubens ungeschmälert hervor-
treten zu lassen, sind die eingelieferten Wetterregeln ohne Streichung aufgenommen
worden; ebenso hat das Bestreben vorgelegen, innerhalb des verfügbaren Raumes
so weit wie möglich die Eigenart ihrer Form zu wahren. ;
1. Wetterregeln aus den Beobachtungen der: Wolken.
Bei klarem oder aufklarendem Himmel (2), hellen (2), zarten, hohen (5)
Wolken, bei einfacher Wolkenschicht (3), mäßigen cu-Wolken, Schäferwolken oder
Cirren aus Osten (3) besonders bei steigendem Barometer ist besseres oder gutes
Wetter zu erwarten oder gutes Wetter hält an; je höher die Wolken, desto
besser das Wetter.
Ann. d. Hrdr. usw. 1914. Heft T_