Defant, A.: ‚Zur Theorie der Gezeiten ‚im Adriatischen Meere.
271
2. Eine stehende Welle von halbtägiger Periode mit einer Knotenlinie
Sestrice —S. Benedetto di Tronto. Diese Welle umfaßt ebenfalls die ganze Adria
und wird erzeugt durch die halbtägigen Gezeitenkräfte. Da die Periode der
Eigenschwingungen des Adriatischen Meeres, hier als abgeschlossener See be-
trachtet, nahe an die Periode der erzeugenden Kraft herankommt (12.3 zu ungefähr
12 Stunden)?), hat auch in diesem Falle die stehende Welle den Charakter einer freien
Schwingung. In auffallender Weise sind die Amplituden dieser Schwingung im
nördlichen Teile der Adria sehr groß, während südlich der Knotenlinie die Ampli-
tuden nur sehr wenig zunehmen und schließlich im südlichen Tiefseebecken
konstant bleiben.
3. Zur Erklärung der nahezu konstanten Phasenzeiten und konstanten
Amplituden im südlichen Teile der Adria nimmt v. Kesslitz eine erzwungene
stehende Welle mit in sich geschlossener Knotenlinie im südlichen Tiefseebecken
an, und schließlich .
4. zur Erklärung der Amphidromie um die obenerwähnte Knotenlinie
Sestrice — S. Benedetto di Tronto eine fortschreitende Welle, ausgehend . vom
Tiefseebecken und die nördliche Adria, gegen den Zeiger der Uhr, umkreisend.
Ich habe bereits im früheren Referat darauf hingewiesen, daß die Annahme
einer stehenden Schwingung mit in sich geschlossener Knotenlinie im südlichen
Teile der Adria und einer von hier ausgehenden fortschreitenden, die nördliche
Adria umkreisenden Welle etwas gekünstelt erscheint und daß. einerseits die
geringen Amplituden einer solchen Schwingung diese kaum zur Beobachtung
gelangen lassen, und anderseits keine physikalische Ursache für die Aussendung einer
fortschreitenden Welle, die gerade in ungefähr 12 Stunden die ganze nördliche
Adria im positiven Sinne umkreist, angegeben werden kann.
In der Theorie der Gezeiten des Adriatischen Meeres von W. v. Kesslitz
ersieht der Verfasser dieser Zeilen eigentlich keine Theorie im eigentlichen Sinne
des Wortes, sondern vielmehr eine ausführliche Beschreibung der Beobachtungs-
tatsachen, während die Erklärung dieser Tatsachen offen gelassen ist. Eine Theorie
der Gezeiten des Adriatischen Meeres muß vor allem zeigen, warum gerade die
ganztägigen Gezeiten als Schaukelbewegung um eine Knotenlinie an der Mündung
der Bucht in das Ionische Meer auftreten und nicht, wie dies .z. B. in der Ostsee
der Fall ist’), als Schwingung bzw. Amphidromie um eine weiter. im Innern des
Meeres gelegene Knotenlinie; warum die halbtägigen Gezeiten dagegen sich als
eine Amphidromie um einen Punkt, der, weit gegen Norden verschoben, nahe: der
nördlichen Flachsee liegt, entwickeln; warum .die Amplituden der ganztägigen
Gezeiten fast linear von Süden nach Norden hin zunehmen, während die Amplituden
der halbtägigen Gezeiten nördlich der Hauptknotenlinie rasch zunehmen, gegen
Süden jedoch nur langsam und schließlich konstant bleiben usw.
Im folgenden will ich nun versuchen, über diese Punkte durch mehr
theoretische Betrachtungen nähere Aufschlüsse zu bekommen, und möchte vorerst
einige dieser theoretischen Untersuchungen zum näheren Verständnis der folgen-
den Rechnungen vorausschieken.
I. Die Gezeiten in einem in ein offenes Meer mündenden Kanal.
Das Adriatische Meer können wir als einen in das Ionische Meer mündenden
Kanal auffassen; es als ein abgeschlossenes Meer bzw. als einen an beiden Enden
abgeschlossenen Kanal zu betrachten, gestattet wohl nicht die im Verhältnis zur
mittleren Breite der Adria sehr breite und gleichzeitig relativ tiefe Straße von
Otranto. Die mittlere Breite des Adriatischen Meeres beträgt 166.5 km, während
die Straße von Otranto eine Breite von 78.8 km besitzt, also fast die Hälfte der
mittleren Breite. Alıch die Querschnittsfläche ist an der Straße von Otranto
ziemlich groß: 36.2 km?:;: das entspricht fast der mittleren Querschnittsfläche der
. 1) Siehe »Ann. d. Hydr. usw.« 1911, Heft IH, 1. e., und R. v. Sterneck: Zur Theorie der
re im Mittelmeer. »Sitzungsber. d. Wiener Akad.«, Bd. 122, und »Ann, d. Hydr. usw.« 1913,
€ I. ; # + ; ;
2 R. Wittineg: Tidvyattnen i Östersiön och Finiska Viken. . Helsingfors 1911.