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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Januar 1914.
Berufskreisen Vorteile‘ zu gewähren. Die Erhebungen wurden der Deutschen
Seewarte und den Kaiserlichen Küstenbezirksämtern übertragen. Zu diesen
Zwecke wurden außer zahlreichen Exemplaren des Buches umfassende Auszüge
der Wetterregeln von Mylius und auch Fragebogen, die sich in ihrer Anordnung
an diese Auszüge anlehnten, an Vorsteher von Nebenstellen der Seewarte, an
Mitarbeiter zur See und andere geeignete Persönlichkeiten, deren Beruf eine
besondere Vertrautheit mit dem Gegenstand gewährleistete, versandt. Um die
Ansichten auch derjenigen Kreise kennen zu lernen, denen die Fertigkeit, die
befolgten Wetterregeln schriftlich wiederzugeben, mangelt, wurde die Methode
befolgt, durch unauffälliges Befragen im mündlichen Verkehr zum Ziele zu
gelangen, oder die Beteiligten zu diesem Zwecke zu versammeln und an der
Hand des Fragebogens zu ermitteln, welcher Anzeichen sie sich zur Voraus-
beurteilung der kommenden Witterungsverhältnisse bedienen. Dieses Verfahren
dürfte die Gewähr bieten, daß die Ansichten der Fischerei- und Schiffahrtskreise
unserer Ost- und Nordsee über Wetterregeln in den gesammelten Berichten und
Äußerungen, die hier nachfolgend geordnet und in Kürze wiedergegeben sind,
einigermaßen vollständig vorliegen.
Betreffs der Aufnahme der Wetterregeln von Mylius möge hier nur kurz
berichtet werden, daß die Urteile in verhältnismäßig geringer Zahl gewonnen
worden und sehr verschieden ausgefallen sind, indem sie in erster Linie den
Wert, den man solchen Lokalprognosen im allgemeinen beimißt, wiederspiegeln,
In dieser Beziehung lassen die Berichte von der Nordsee und von der Ostsee einen
großen Unterschied hervortreten, indem bis auf vereinzelte Fälle Lokalprognosen
an der Nordsee jeglicher Wert abgesprochen wird und solche kaum im Gebrauch
zu sein scheinen, während man sich an der Ostsee weit weniger absprechend
yegen Wetterregeln verhält und sich in dieser Beziehung meist mit der Hinzu-
fügung begnügt, daß ein Anspruch auf völlige Zuverlässigkeit von Wetterregeln
nicht zu erheben sei und der Beobachtung des Barometers in jedem Falle die
Hauptbedeutung zukomme, Diese Verschiedenheit in der Bewertung von Lokal-
prognosen darf nicht überraschen und ihren Grund darin finden, daß das Wetter
unserer Nordsee erheblich veränderlicher als das der Ostsee ist; die in einem
von der Nordsee stammenden Bericht gefundene Äußerung, das Wetter sei so
veränderlich, daß keine Regeln aufgestellt werden können, entspricht dieser Auf-
fassung. Eine schhell vorübergehende Beeinflussung von Tiefdruckausläufern,
die von der Biscayasee oder dem Kanal oder auch aus noch nördlicher gelegenem
Himmelsstrich in nordöstlicher Richtung vorüberziehen, ohne ihren Bereich bis
zur Ostsee zu erstrecken, tritt so häufig auf, daß Wetteranzeichen zur Voraus-
beurteilung der Witterung über die nächsten Stunden hinaus für die Nordsee
gewiß allzu häufig versagen müssen; kleine Drehungen der Windfahnen aus
südöstlicher nach südwestlicher Richtung oder umgekehrt im südlichen Hinter-
land der Nordsee, sind häufig entscheidend für ganz verschiedene Witterungs-
charaktere.
Insbesondere verdient der Bericht des Kapitäns eines Hamburger Lotsen-
schoners durch verschiedene bemerkenswerte Äußerungen Beachtung, so daß eine
auszugsweise Anführung zweckdienlich erscheint: »Daß Personen, deren Be-
schäftigung sehr viel vom Wetter abhängig ist, wie z. B. Landleute, Schäfer,
Lotsen und Seeleute, sich auch viel mit Wetterprophezeiungen beschäftigen,
liegt ja in der Natur der Sache; daß aber jemand wirklich imstande gewesen
wäre, mit Bestimmtheit das Wetter für den nächsten Tay vorherzusagen, habe
ich nie beobachtet, Der Glaube daran existiert auch hauptsächlich nur unter
den Binnenländern, der Seemann selber glaubt nicht daran. Ich bin 17 Jahre
vdeim hiesigen Lotsenwesen und habe während dieser Zeit weit über 200 Lotsen
kennen gelernt, ich wüßte aber keinen, der bestimmt jeden Abend sagen kann,
wie am andern Tag das Wetter wird, Es wird eben drauf los prophezeit, und
wer später das Richtige getroffen hat, behauptet alsdann selbstbewußt: „das habe
ich gestern abend oder heute morgen ja schon gesagt“; trifft es aber nicht ein,
dann heißt es in der Regel: „das hätte ich aber nicht gedacht, nach Aussehen
des Himmels oder sonstigen Anzeichen hatte ich solch oder solch Wetter erwartet“.