Grossmann und Perlewitz: Gebrauch von Wetterregeln an der deutschen Küste. 15
angewiesen, ohne daß ihm jemand zu sagen wußte, wie die Lokalbeobachtungen
gemacht werden und wie ein »erfahrener Naturmensch« zu seinen Wetter-
prophezeiungen gelangt — »weil ein solcher seine Gedanken und Schlüsse nicht
in Worte zu kleiden versteht«. Um nun die Grundlage für eine Lokalprognose
zu beschaffen, hat Mylius jahrelang von den der Lokalbeobachtung zu Gebote
stehenden hauptsächlichsten »Luftstimmungen« (nach Mylius im Sinne des Malers
„alles was sich im Luftraum für das Auge darstellt«), dem Morgen- und Abend-
himmel und der Tagesbewölkung Hunderte von Aquarellbildern angefertigt und
diese mit Angaben über die sonstigen meteorologischen Beobachtungen, Barometer-
stand, Windrichtung, Witterung vorher und nachher usw, versehen. Auf diesem
Wege gelangte Mylius zu der Überzeugung, daß jeder Wetteränderung Ver-
änderungen in der Luftstimmung zuerst am Horizont und später auch in höheren
Winkeln vorausgehen, während auf ein Fortbestehen der herrschenden Witterung
zu rechnen sei, solange solche Anzeichen fehlen; dabei sollen sich diese bei
allgemeiner und ausgebreiteter Anderung 6 bis 12 Stunden, bei lokalen Anderungen
2 bis 6 Stunden vor einer Wetteränderung einstellen; Mylius gibt die Erklärung
ab, daß der von ihm eingeschlagene Weg der Beobachtung ihn in die Lage
versetzt habe, ohne die wissenschaftliche Prognose der amtlichen Wetterdienst-
stellen in einer für seine praktischen Zwecke völlig ausreichenden Weise selbst
an jedem Morgen die Witterung des laufenden Tages fast mit Sicherheit und
am Abend des Vortages mit Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, um sich in seinen
Maßnahmen danach zu richten. Hierzu genüge allerdings nicht die mechanische
Anwendung einiger einfacher Wetterregeln, sondern es sei ein Miterleben der
jeweiligen Witterung und die dauernde Beobachtung von Tag zu Tag, und wenn
möglich ein ungehinderter Blick auf den Horizont erforderlich; die Dauer der
einzelnen Beobachtung könne aber bei vorhandener Erfahrung sehr kurz sein
und, wenn man im Freien lebe, im Vorbeigehen ohne Zeitaufwand und besondere
Mühewaltung stattfinden,
Um andere der ihm gewordenen »Offenbarungen der Natur« teilhaftig
zu machen, hat Mylius. in seinem Buche für jede der von ihm aufgestellten
Wettertypen den Verlauf des Wetters vom frühen Morgen bis zum späten Abend
unter besonderer Hervorhebung der Himmelsstimmungen geschildert und dabei
auch die Anzeichen von herannahenden Witterungsumschlägen, besonders häufigen
Übergängen des einen Typus in einen anderen, eingehend behandelt. Dabei wird
Mylius auch dem Barometer und der von den Wetterkarten angezeigten Luft-
druckverteilung gerecht, wenn er beispielsweise darauf hinweist, daß die am.
Abendhimmel auftretenden gewöhnlichen Anzeichen von bevorstehendem schlechten
Wetter sich dann häufig als trügerisch erweisen, wenn das Barometer noch am
späten Abend im Steigen ist, oder aber anführt, daß aus der Wetterkarte allein
ersehen werden könne, ob gutes Wetter einen oder mehrere Tage anhalten werde,
wenn man sich innerhalb eines Hochdruckgebiets zwischen Depressionen befindet.
Durchweg aber begegnet man dem Bestreben nach einfachem und klarem Aus-
druck, um den Inhalt der Wetterregeln bestimmt und anschaulich hervortreten
zu lassen, und es darf behauptet werden, daß dieses dem Verfasser wohl gelungen
ist, soweit ein volles Verständnis durch das bloße Wort zu erreichen ist; die
Beifügung einiger farbiger Tafeln aus dem großen Schatze der Aquarelle hätte
der Darstellung gewiß eine sehr wertvolle Ergänzung gewährt,
Die von Mylius gewählte, aussichtsvoll erscheinende Methode und der
von ihm in Anspruch genommene Erfolg seiner Wetterregeln ließen es dem
Reichs-Marine-Amt wünschenswert erscheinen, durch umfassende Umfrage
feststellen zu lassen, ob unsere Fischerei und Kleinschiffahrt und viel-
leicht auch die Schiffahrt im weiteren Sinne, im besonderen in allen Fällen,
wo Wetterkarten und andere Wetternachrichten nicht zur Verfügung
stehen, aus dem Buch von Mylius Nutzen zu ziehen vermöchte, und
hiermit im Zusammenhang die in diesen Kreisen geltenden Wetterregeln zu
sammeln und auf ihre Richtigkeit und Zuverlässigkeit zu prüfen. Schien doch
jenes Buch, die Herausgabe einer Sammlung solcher besterprobter Wetterregeln,
in wertvoller Weise durch die von Mylius aufgestellten Regeln ergänzt, jenen