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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 42 (1914)

Grossmann und Perlewitz: Gebrauch von Wetterregeln an der deutschen Küste. 15 
angewiesen, ohne daß ihm jemand zu sagen wußte, wie die Lokalbeobachtungen 
gemacht werden und wie ein »erfahrener Naturmensch« zu seinen Wetter- 
prophezeiungen gelangt — »weil ein solcher seine Gedanken und Schlüsse nicht 
in Worte zu kleiden versteht«. Um nun die Grundlage für eine Lokalprognose 
zu beschaffen, hat Mylius jahrelang von den der Lokalbeobachtung zu Gebote 
stehenden hauptsächlichsten »Luftstimmungen« (nach Mylius im Sinne des Malers 
„alles was sich im Luftraum für das Auge darstellt«), dem Morgen- und Abend- 
himmel und der Tagesbewölkung Hunderte von Aquarellbildern angefertigt und 
diese mit Angaben über die sonstigen meteorologischen Beobachtungen, Barometer- 
stand, Windrichtung, Witterung vorher und nachher usw, versehen. Auf diesem 
Wege gelangte Mylius zu der Überzeugung, daß jeder Wetteränderung Ver- 
änderungen in der Luftstimmung zuerst am Horizont und später auch in höheren 
Winkeln vorausgehen, während auf ein Fortbestehen der herrschenden Witterung 
zu rechnen sei, solange solche Anzeichen fehlen; dabei sollen sich diese bei 
allgemeiner und ausgebreiteter Anderung 6 bis 12 Stunden, bei lokalen Anderungen 
2 bis 6 Stunden vor einer Wetteränderung einstellen; Mylius gibt die Erklärung 
ab, daß der von ihm eingeschlagene Weg der Beobachtung ihn in die Lage 
versetzt habe, ohne die wissenschaftliche Prognose der amtlichen Wetterdienst- 
stellen in einer für seine praktischen Zwecke völlig ausreichenden Weise selbst 
an jedem Morgen die Witterung des laufenden Tages fast mit Sicherheit und 
am Abend des Vortages mit Wahrscheinlichkeit vorauszusagen, um sich in seinen 
Maßnahmen danach zu richten. Hierzu genüge allerdings nicht die mechanische 
Anwendung einiger einfacher Wetterregeln, sondern es sei ein Miterleben der 
jeweiligen Witterung und die dauernde Beobachtung von Tag zu Tag, und wenn 
möglich ein ungehinderter Blick auf den Horizont erforderlich; die Dauer der 
einzelnen Beobachtung könne aber bei vorhandener Erfahrung sehr kurz sein 
und, wenn man im Freien lebe, im Vorbeigehen ohne Zeitaufwand und besondere 
Mühewaltung stattfinden, 
Um andere der ihm gewordenen »Offenbarungen der Natur« teilhaftig 
zu machen, hat Mylius. in seinem Buche für jede der von ihm aufgestellten 
Wettertypen den Verlauf des Wetters vom frühen Morgen bis zum späten Abend 
unter besonderer Hervorhebung der Himmelsstimmungen geschildert und dabei 
auch die Anzeichen von herannahenden Witterungsumschlägen, besonders häufigen 
Übergängen des einen Typus in einen anderen, eingehend behandelt. Dabei wird 
Mylius auch dem Barometer und der von den Wetterkarten angezeigten Luft- 
druckverteilung gerecht, wenn er beispielsweise darauf hinweist, daß die am. 
Abendhimmel auftretenden gewöhnlichen Anzeichen von bevorstehendem schlechten 
Wetter sich dann häufig als trügerisch erweisen, wenn das Barometer noch am 
späten Abend im Steigen ist, oder aber anführt, daß aus der Wetterkarte allein 
ersehen werden könne, ob gutes Wetter einen oder mehrere Tage anhalten werde, 
wenn man sich innerhalb eines Hochdruckgebiets zwischen Depressionen befindet. 
Durchweg aber begegnet man dem Bestreben nach einfachem und klarem Aus- 
druck, um den Inhalt der Wetterregeln bestimmt und anschaulich hervortreten 
zu lassen, und es darf behauptet werden, daß dieses dem Verfasser wohl gelungen 
ist, soweit ein volles Verständnis durch das bloße Wort zu erreichen ist; die 
Beifügung einiger farbiger Tafeln aus dem großen Schatze der Aquarelle hätte 
der Darstellung gewiß eine sehr wertvolle Ergänzung gewährt, 
Die von Mylius gewählte, aussichtsvoll erscheinende Methode und der 
von ihm in Anspruch genommene Erfolg seiner Wetterregeln ließen es dem 
Reichs-Marine-Amt wünschenswert erscheinen, durch umfassende Umfrage 
feststellen zu lassen, ob unsere Fischerei und Kleinschiffahrt und viel- 
leicht auch die Schiffahrt im weiteren Sinne, im besonderen in allen Fällen, 
wo Wetterkarten und andere Wetternachrichten nicht zur Verfügung 
stehen, aus dem Buch von Mylius Nutzen zu ziehen vermöchte, und 
hiermit im Zusammenhang die in diesen Kreisen geltenden Wetterregeln zu 
sammeln und auf ihre Richtigkeit und Zuverlässigkeit zu prüfen. Schien doch 
jenes Buch, die Herausgabe einer Sammlung solcher besterprobter Wetterregeln, 
in wertvoller Weise durch die von Mylius aufgestellten Regeln ergänzt, jenen
	        
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