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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 42 (1914)

2924 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1914,

eine solche stehende Schwingung sicher erklärt werden kann. Die Untersuchungen
der Periode der freien Schwingungen des Adriatischen Meeres als abgeschlossene
Wassermasse betrachtet!), ergaben, daß die Adria eine Eigenschwingung von
rund 12 Stunden Periode besitzt, derart, daß auch in diesem Falle die Schwingungen
 als Resonanzphänomen aufgefaßt werden können. Gegenüber dem Angeführten
 liegt nichts Widersprechendes, daß im Norden bedeutend größere Amplituden
 vorkommen als im Süden, da die Horizontalverschiebungen des Wassers
im seichten, gegen den Golf von Triest sich verengenden Teil der Flachsee viel
größere Hebungen und Senkungen verursachen müssen als im tiefen Südbecken.
Für die auffallende Erscheinung, daß im südlichen Teile der Adria, von
Pelagosa angefangen, die Amplituden der Halbtagstiden konstant bleiben, während
überall nahezu dieselben Phasen- bzw. Hafenzeiten vorhanden sind, sucht
W, v. Kesslitz eine eigene Erklärung. Er hält es nicht für ausgeschlossen, daß
sich im südlichen Becken, mit Rücksicht auf die großen Tiefen, die in einem
beträchtlichen Teile des Beckens etwa 1000 m ausmachen, eine selbständige, durch
die fluterzeugenden Kräfte von Sonne und Mond ausgelöste Schwingung auftreten
 kann, Da die Phasen der Halbtagstiden an der Umrandung des Beckens
überall dieselben sind, nimmt hier v. Kesslitz eine Schwingungsform mit in sich
geschlossener Knotenlinie bei Konstanz des Wasserquantums an, Schwingungsformen,
 wie sie zuerst Prof. R. v. Sterneck zur Erklärung der Gezeiten des
westlichen Mittelmeeres angenommen, jedoch später wieder fallengelassen hat,
Die theoretische Möglichkeit solcher Sechwingungsformen ist allerdings gegeben,
jedoch hat bereits Lamb hingewiesen, daß ihre Amplituden sehr klein ausfallen
dürften, so daß ihr Vorhandensein schwer nachweisbar ist, Außerdem stehen
stets nur Beobachtungswerte an den Grenzen des Beckens zur Verfügung, so daß
ein Beweis ihres Auftretens fast nie erbracht werden kann. Die Annahme von
solchen Schwingungen hat somit unwillkürlich etwas Gekünsteltes an sich und
soll daher, wo nicht unbedingt notwendig, nicht erfolgen, Der Verfasser
dieser Zeilen glaubt, daß man auch in diesem Falle von einer Annahme solcher
Schwingungsformen absehen könnte,
Zur Erklärung der Phasenänderungen der Halbtagstiden, die am größten
in den mittleren Gebieten der Adria, im Norden und Süden jedoch nur gering
sind, also der Amphidromie der Halbtagstiden, könnte man, wie Generalmajor
v. Sterneck zuerst gezeigt hat, neben einer stehenden Schwingung um die
Knotenlinie Sestrice—8S, Benedetto di Tronto eine stehende Schwingung längs der
Längsachse der Adria als zweite Knotenlinie annehmen. W. v. Kesslitz findet
eine solche Querschwingung für unwahrscheinlich und glaubt, daß diese Phasenänderungen
 der Halbtagstiden eine Rückwirkung der im südlichen Tiefseebecken
stattfindenden stehenden Schwingungen auf die Wasserbewegung in der nördlichen
 Flachsee sind. Diese Rückwirkung erfolgt nach seiner Ansicht in Form
einer vom Südseebecken ausgehenden, fortschreitenden Welle, die durch die
orographische Konfiguration des Beckens und infolge der ablenkenden Kraft der
Erdrotation zuerst gegen Osten gedrängt wird und die nördliche Adria entgegengesetzt
 dem Sinne des Uhrzeigers umkreist.
Die Gezeitenbewegung der Adria ergibt sich somit nach dem Erklärungsversuch
 von W, v. Kesslitz als Resultante folgender vier Wellen (s. Figur S. 221):
1. eine stehende Schwingung ganztägiger Periode mit einer Knotenlinie
im Kanal von Otranto, angeregt durch Wasserverschiebungen im Jonischen Meere,
2, eine stehende Schwingung halbtägiger Periode mit einer Knotenlinie
Sestrice—S. Benedetto di Tronto,
3. eine erzwungene, stehende Welle im südlichen Becken mit einer in
sich geschlossenen Knotenlinie, hervorgerufen durch direkte Anziehung von Mond
und Sonne und
4. eine fortschreitende Welle, ausgehend vom Tiefseebecken und die nördliche
 Adria im positiven Sinne umkreisend,
1) A, Defant, Le. und R, v. Sterneck: Zur Theorie der Gezeiten des Mittelmeeres, Sitzb,
der a der Wissensch, in Wien 1913; siehe auch Referat von Defant, diese Zeitschrift
1913 S. 561.
            
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