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Volltext : Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 42 (1914)

Defant, A.: W. v. Kesslitz: Die Gezeiten im Adriatischen Meere, 2923

Besonderes Interesse erregen noch die sogenannten meteorologischen Tiden,
Wellen- oder Niveauschwankungen, die auf meteorologische Einflüsse zurückzuführen
 sind. Niveauschwankungen kommen meistens bei kräftigen Luftdruckunterschieden,
 wie sie im westlichen Mittelmeer nicht selten sind, und bei länger
andauernden, stetigen Winden zur Beobachtung. Das Adriabecken bildet zwischen
Balkan und Apennin eine breite Zugstraße für südöstliche Winde (Seirocco), die
eine starke Aufstauung des Wassers in der Nordadria bedingen; 60 bis 70 cm
übernormal sind gar nicht selten. Herrscht gleichzeitig Springflut, so kommt
es zu Überschwemmungen der Hafenanlagen. Der Ausgleich dieser Niveauschwankungen
 erfolgt in: der Form stehender, freier Schwingungen der Adria,
die dann als Meeresbucht: des Jonischen Meeres aufzufassen ist. Nach der »japanischen«
 Theorie zeigt die Adria als Hauptperiode der Eigenschwingungen ımnit
einer Knotenlinie bei der Straße von Otranto 22.4 Stunden!). v. Kesslitz hat
nachgewiesen, daß solche stationäre Schwingungen, die von Böenwetter und
raschen Druckänderungen ausgelöst werden, tatsächlich vorkommen, und gibt im
typischen Falle vom 25. März 1906 ein lehrreiches Beispiel.
Neben diesen großen Schwingungen zeigen die meisten. Küstenorte lokale
Seichen die noch wenig untersucht wurden, die aber bei günstigem Terrain in
engen Kanälen zu rasch wechselnden Strömen (stigazzi) Veranlassung geben, die
für die Fischerei nicht besonders angenehm sein sollen, 8
Auf Grund der Ergebnisse der harmonischen Analyse dieser 12 Stationen;
die allerdings ausschließlich an der Ostküste des Adriatischen Meeres liegen, hat
W. v. Kesslitz versucht, für die Gezeitenvorgänge in diesem Meere eine zusammenfassende
 Erklärung zu geben.
Als Resultante der ganztägigen Tiden erscheint eine stehende Schwingung
von nahezu 24 Stunden Periode mit einer Knotenlinie im Kanal von Otranto.
Dadurch, daß die Adria als Bucht des Jonischen Meeres aufgefaßt eine Eigenschwingung
 von nahezu 23 Stunden besitzt, die Periode der erzeugenden Kräfte
somit nahe an die Periode der Eigenschwingungen herankommt, besitzt diese
Welle eine verhältnismäßig große Amplitude; da diese naturgemäß am Nordende
am größten ist, werden hier die Gezeiten im allgemeinen den Charakter von
Eintagstiden besitzen. Ausgelöst wird diese stehende Welle zweifellos durch
Wasserverschiebungen gleicher Periode an der Straße von Ötranto, vielleicht
als Effekt der ganztägigen Gezeiten im östlichen Mittelmeere bzw. im dJonischen
 Meere.
Komplizierter sind die halbtägigen Gezeiten. Die Phasenzeiten zeigen in
erster Linie eine Amphidromie entgegengesetzt dem Sinne des Uhrzeigers. Wenn
wir die Hafenzeiten der italienischen Stationen an der Westküste hinzunehmen,
scheint diese um einen Punkt zu erfolgen, der im nördlichen Teile der Adria
mittwegs der Querlinie Sestrice—S, Benedetto di Tronto liegt.
Die Phasenänderungen sind im südlichen Teile der Adria sehr langsam,
werden jedoch in den mittleren Partien, nahe der Querlinie Sestrice—S. Benedetto
di Tronto sehr groß, um im nördlicheren Teile wieder kleiner zu werden. Da die
Amplituden der halbtägigen Gezeiten in erster Linie von der Hauptmond- und
der Hauptsonnentide abhängen, genügt es, wenn man die Summe Hm, + Hs, bildet.
Diese Werte sind, wie in beigegebener Figur ersichtlich ist, im Norden, in der Flachsee
 am größten, nehmen dann rasch gegen Süden ab und erreichen in der erwähnten
Verbindungslinie Sestrice—S, Benedetto di Tronto ein Minimum. Gegen Süden
nehmen sie dann langsam wieder zu, um im Südbecken nahezu konstante Werte
zu behalten, _
Diese Änderungen der Amplituden weisen in erster Linie auf eine stehende
Welle mit halbtägiger Periode hin, deren Knotenlinie quer über die Adria von Sestrice
yzegen S, Benedetto di Tronto liegen dürfte. Die raschen örtlichen Anderungen der
Phasenzeiten in der Nähe dieser Knotenlinie sowie die nur geringen am Süd- und
Nordende der Adria zeigen, daß die Hauptkemponente der Amphidromie durch

-) A, Defant, Über die Periodendauer der Eigenschwingungen des Adriatischen Meeres.
‚Ann, der Hydr. usw.« 1911, Heft III.
            
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