Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1914.
Nach Abzug auch dieser Tide von den beobachteten Wasserstandsmitteln
machte sich in einer graphischen Auftragung eine Tide von etwas mehr als
6 Jahren Länge bemerkbar. Eine solche wird nach Herrn Schumann!) schon
von Herrn Libor Peiker”) und Herrn Heinrich Schmick®) erwähnt, ihre
genaue Länge ist bisher nicht bekannt. Nach Herrn Schumanns Abhandlung
»Über Gezeitenerscheinungen in den Schwankungen der Stationspolhöhen«?) liegt
die Vermutung nahe, daß die von ihm gefundene Polschwankungsperiode von
etwas über sechs Jahren Länge die Länge von einer Drittel-Mondknotenperiode
hat, also gleich 6.22 Jahren ist. Um genaueren Aufschluß über die Länge dieser
Tide zu erhalten, teilte ich jetzt die zu analysierenden mittleren Wasserstände
in zwei Reihen von je 44 Jahren und bildete die Abschnitte von 1824 bis 1867
und von 1868 bis 1911, auch analysierte ich jetzt nicht mehr die Jahresmittel,
sondern die Monatsmittel. Die Rechnung ergab für die Tide von 6.28 jähriger
Periode:
1. Gruppe: 1824 bis 1867. 2. Gruppe: 1868 bis 1911. Mittel.
16 + cos (4.77° x — 351,3°). 20 + cos (4.77° x — 347.29), 18 + cos (4,77° x — 348.9°).
} Epoche: Mitte Januar 1824: x = 1 Monat.
Die Übereinstimmung der Tidekonstanten dürfte sehr befriedigend genannt
werden, die Phasen weichen um 4.1°, also annähernd um einen Monat voneinander
ab, das ist 1%, der ganzen Tidenlänge. Um mir aber auch ein Bild zu
machen, ein wie gutes Mittel die Teilung der ganzen Reihe von 1824 bis 1911
bildet, um die Tidenlänge festzustellen, analysierte ich die Reihe wieder in zwei
Gruppen unter der Annahme einer Tide von 6.15jähriger Periode und erhielt:
1. Gruppe: 2. Gruppe: .
7 + cos (4.85° x — 20°). 19 + cos (4.85° x — 54°).
Hier weisen die Amplituden große Abweichungen voneinander auf, so daß
sowohl die Richtigkeit der Annahme der Tidenlänge zu 6.286 Jahren bestätigt
wird, als auch die Richtigkeit des obigen Verfahrens, bei nur annähernd bekannter
Periodenlänge die zu analysierende Reihe in zwei Gruppen zu teilen, und jede für
sich zu analysieren: die angenommene Periodenlänge ist nur dann richtig, wenn
beide Gruppen dieselben Ergebnisse liefern,
Gleichzeitig analysierte ich die von Herrn Schumann mitgeteilten Werte
des Polabstandes und fand unter Annahme von Gezeiten entsprechend einer
ganzen, halben und drittel Mondknotenperiode:
Ö + cos (19.35° x — 10.1°) +4 - cos (38.7? x — 20.3°) + 14 - cos (58? x — 73.7°) mit der Epoche: 1890.0,
Beim Vergleichen der graphischen Darstellung dieser Polschwankungsgezeiten
und der entsprechenden Tiden der Ostsee bei Swinemünde (Tafel‘8)
könnte man geneigt sein, einen Parallelismus zwischen beiden anzunehmen mit
einer Verzögerung der Wasserstandstide gegen die Polschwankungstide um etwa
1.6 Jahr. Dem widerspricht aber schon die 18.6jährige Tide, sie hat
bei der Polschwankung die Phase 10.1° mit der Epoche 1890.0,
beim mittleren Wasserstand « « 125,3° « « « 1890.0.
Die 6.28jährigen Tiden haben die Phasen 73.7° bzw. 169°, was allerdings
Zeitraum von 1.6 Jahren entspricht,
Es läßt sich wohl auch kaum eine Beziehung zwischen den Wasserstandsund
den Polschwankungstiden herbeiführen auf Grund der benutzten Werte, da
diese ja nur die Größe der Polschwankung, nicht ihre Richtung angeben. Aus
den Rechenergebnissen läßt sich daher nach der Natur der bearbeiteten Grundlagen
nur das Vorhandensein von Tiden gleicher Periode in den Polschwankungen
und den mittleren Wasserständen ableiten, aber keine direkten Beziehungen
zwischen ihnen,
Es fand sich bald, daß außer dieser 6.28 jährigen Tide noch eine nur wenig
kürzere vorhanden war. Ich suchte nach Beziehungen zu der von Herrn
1) R. Schumann, Über Gezeitenerscheinungen in den Schwankungen der Stationspolhöhen.
Wien, Kais. Akad, d. Wiss,, math. naturw, Klasse. Bd. LXXXIX. Wien 1913.
2ı Libor Peiker, Die Ebbe und Flut des Meeres. 8. Jahresber, der Staatsoberrealschule
in Triest. Triest 1878, S. 15f.
3) Prof. Dr. Heinrich Schmick.