Lesshaft, E.: Das Karische Meer als Seeweg nach Sibirien.
2, Typische Eisverhältnisse im Karischen Meere.
Das Studium des von uns gesammelten Materials zeigt, daß die Eisverhält-
nisse des Karischen Meeres schroffen Veränderungen ausgesetzt sind, daß sie
lange nicht gleichmäßig sind in verschiedenen Jahren. Beobachtet werden
Schwankungen sowohl in der Masse des Eises, als auch in dessen Verteilung.
Wir können uns nicht mit der Ansicht Hovgaards einverstanden erklären,
daß die Eisverhältnisse und die Zugänglichkeit des Karischen Meeres für die
Schiffahrt eines jeden Jahres ausschließlich bestimmt werden durch die Ver-
teilung des Eises und seine mehr oder minder günstige Lagerung zur Weg-
richtung, die die Schiffe gewöhnlich zur Erreichung der Mündungen des Jenissei
und Ob einschlagen, Die vorausgeschickte Übersicht der Eisverhältnisse des
Karischen Meeres, nach den Jahren geordnet, zeigt uns, daß auch die Menge des
schwimmenden Eises stark variieren kann. Erinnern wir uns einerseits‘ solcher
Jahre, die sich durch ihre außerordentlich günstigen Eisverhältnisse ausgezeichnet
haben, wie das Jahr 1898 und besonders das Jahr 1878, das denkwürdige Jahr
der »Wega«-Fahrt, In diesem letzten Jahre wurde im Karischen Meere fast kein
Eis beobachtet und das angetroffene Eis zeichnete sich durch Morschheit aus,
Die südlichen Meerengen wurden bereits Ende Juli eisfrei und in gleicher Weise
wurde auch der Eingang von Norden um Nowaja Semlja herum schon im Juli
{rei., Erinnern wir uns anderseits solcher ungünstigen Eisverhältnisse, wie sie
uns die Jahre 1882 und 1883 brachten, wo es nicht einem einzigen Dampfer gelang
sich durch das Eis des Karischen Meeres nach Sibirien durchzukämpfen, wo
auch viel Eis in der Flußmündung des Jenissei vorhanden war, die südlichen
Meerengen nur teilweise zugänglich wurden und das auch nur auf kurze Zeit.
Erinnern wir uns, sage ich, dieser Umstände und wir kommen zur Überzeugung,
daß es nicht allein auf die Verteilung des Eises ankommt, sondern auch auf die
Quantität des KEises, die eben solchen schroffen Schwankungen ausgesetzt ist,
wie die Verteilung des Eises.
Indem wir auf ein Variieren in der Quantität des Treibeises hinweisen,
können wir nicht umhin uns mit Hovgaard einverstanden zu erklären, daß in
den meisten Fällen die Verteilung der Eismassen eine überwiegende Rolle spielt,
Im allgemeinen nähert sich die Menge des Treibeises im Karischen Meere dem
Mittel und weicht von ihm nur wenig ab. Starke Abweichungen nach der einen
und anderen Seite vom normalen Mittel werden verhältnismäßig selten beobachtet.
Deshalb ist es begreiflich, daß die Verteilung der Eismassen eine größere Rolle
spielen muß, als ihre Menge. Bei der Feststellung von Normaltypen der Eis-
verhältnisse im Karischen Meer haben wir beide Elemente, sowohl die Verteilung,
als auch die Quantität ins Auge gefaßt. Als die am häufigsten vorkommenden
Typen muß man jedoch solche anerkennen, in denen die hauptsächliche Rolle
die Verteilung, weniger die Quantität spielt. Auf Grund der in dem vorher-
gehenden Kapitel angeführten Daten über die Eisverhältnisse im Karischen Meere
Äinden wir es für möglich, folgende fünf Typen aufzustellen. ;
Typus a: Die Hauptmasse des Eises nimmt den südwestlichen Teil des
Karischen Meeres ein. Auf dem Wege vom Jugorsky Schar zur Insel Bely sind
die Schiffahrtsbedingungen schwierig. In den südlichen Meerengen geht das
Eis meistens spät auf und sie werden gewöhnlich in der zweiten Hälfte des
August eisfrei. Nicht selten sind sie den ganzen Sommer über vom Eise besetzt
and nur zeit- und teilweise sind sie der Schiffahrt zugänglich. Doch kommt es
auch vor, daß in den Meerengen bereits Anfang August oder sogar Ende Juli
die Passage gelingt. Ende August pflegt der südliche Teil des Karischen Meeres,
der Baidarata-Busen, eisfrei zu werden, In der ersten Hälfte des vorgenannten
Monats zieht sich ein enger eisfreier Meeresstreifen längs der Küste der Baidarata-
Bucht hin; an der Jalmalküste ist der Meeresstreifen im August bedeutend breiter.
Man kann demnach im August-Monat vom Jugorsky Schar zur Insel Bely ge-
langen, indem man sich an den Küsten der Baidarata-Bucht und des Jalmal hält
und von Süden her die Eismassen des südlichen Teiles des Karischen Meeres
umgeht, Ende August und Anfang September kann man vom Jugorsky Schar
in gerader Richtung nach Nordost oder Ost steuern und im Falle eines Zu-