172 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, März 1914,
Taifuns hineinlaufen mußte, Das für freien Seeraum besonders charakteristische
Anzeichen der langen Dünung aus anderer, als der Windrichtung, konnte im
vorliegenden Fall nicht in Erscheinung treten, weil zwischen dem Schiffsort und
dem Taifunort die Insel Formosa lag.
Da S. M. S. »Iltis« gegen Abend des 29. Juli in Höhe von Amoy stehen
mußte, so entschloß ich mich, um das Vorüberziehen des Taifuns abzuwarten,
den im Segelhandbuch für das Ostchinesische Meer für Amoy empfohlenen Taifun-
Ankerplatz anzusteuern, wofür mehrere Gründe ausschlaggebend waren.
Kurz nach dem gerade bei Sonnenuntergang dort erfolgten Ankern er-
schien hoch oben an dem bis dahin fast wolkenlos erscheinenden Himmel ein
rosagefärbter Kreisbogen von eirri-Federwölkchen, der ein untrügliches Zeichen
für das etwa in SSO stehende Zentrum des herannahenden Taifuns war, und
der mir die Gewißheit gab, daß es richtiger war, einen einigermaßen geschützten
Ankerplatz aufgesucht zu haben. Das Barozyklometer ließ erkennen, daß S. M. S.
»Iltis« bereits in die zweite Zone — 120 bis 60 Sm vom Zentrum — eingetreten
war. Während der Nacht von 29, zum 30, Juli und bis zum Abend des letzt-
genannten Tages trat keine Änderung in Windrichtung und -stärke — NO, 8 —
ein, auch hielt sich das Barometer mit geringen Schwankungen auf seinem Stand,
ein Zeichen, daß ein gewisser Stillstand in der Vorwärtsbewegung des Taifun-
zentrums eingetreten war, Deshalb maß ich auch dem am 30. Juli gegen 11% V
auf etwa 5 Sm von der Signalstation auf Kulangsen bei diesigem Wetter abge-
lesenen Wettersignal: »Taifun Mitte von Formosa, nordwärts fortschreitend, Aus-
gabe der Meldung gestern (29. 7.) Nachmittag« keine Bedeutung bei, da diese
Bewegung des Taifuns linksdrehende Winde und eine stärkere Beeinflussung des
Barometers zur Folge hätte haben müssen. Bestätigt wurde meine Auffassung
durch ein weiteres Sturmsignal am 30. Juli 3% 30min N: »Taifun SW von Formosa
NW fortschreitend, Ausgabe heute (30./7.) morgen.« Hieraus schloß ich, daß der
Taifun südlich vom Liegeplatz S. M. S. »Iltis« ins Land gehen würde, und ich
abzuwarten hätte, ob derselbe sich dort verbrauchte oder nach NO biegen und
über Amoy hinweggehend von neuem in das Chinesische Meer eintreten würde,
Von 8% N an am 30, Juli begann der Wind unter gleichzeitigem Zunehmen
an Stärke allmählich, aber entschieden nach rechts zu drehen, während das Baro-
meter nicht sehr wesentlich beeinflußt wurde, wenn auch der Zeiger des Baro-
zyklometers allmählich sich mehr der dritten Zone näherte. In der Nacht vom
30. zum 31, Juli zwischen 1% und 3lh V erreichte der Wind seine größte Stärke,
die ich in den Böen auf 11 bis 12 schätzte. Gleichzeitig setzte heftiger Regen
ein, der zeitweise jegliche Aussicht verhinderte, Nach 3%® V flaute der Wind unter
Rechtsdrehen bei langsam aber stetig steigendem Barometer allmählich etwas ab,
woraus zu schließen war, daß das Zentrum südlich von S. M. S. »Iltis« vorbei-
gegangen war. Immerhin mußte ich noch bis 34 N am 81. Juli warten, bevor
Wind und Seegang ein Auslaufen des Schiffes mit Aussicht auf Vorwärtskommen
ermöglichten, Auch dann wurde noch bis kurz vor Hongkong starke südöstliche
Dünung angetroffen. |
Taifun-Ankerplatz bei Amoy. S. MS. »Iltis« hat ziemlich genau auf dem
im Segelhandbuch für das Ostchinesische Meer, S. 342, empfohlenen Ankerplatz
geankert mit 115 m Kette auf 21 m Wasser über Schlickgrund. Zunächst fühlt
man sich hier einigermaßen beengt, da das Schiff nicht auf dem Wind, sondern
auf Strom liegt und nach beiden Seiten — Felsen bzw. Bank — nur etwa 400 m
freier Raum ist, der beim Brechen der Ankerkette auch bei klarer Maschine
leicht ungenügend sein könnte. Doch der Ankergrund ist gut; Seegang und
Dünung werden zum Teil durch die vorgelagerten Sände und Inseln gebrochen.
Obwohl das Schiff gerade während der schwersten Böen quer zum Winde und
zur See lag und dauernd stark schlingerte, lag es ruhig und sicher in der Kette,
und nur zweimal stampfte es etwas heftig in die Ankerkette ein. Besonders an-
genehm war es, daß die nahe befindlichen Leuchtfeuer von Tsingseu und Taitan
eine dauernde Überwachung der Ankerpeilung möglich machten.
Nach Zeitungsberichten ist der Taifun nördlich von Swatau ins Land
gegangen.