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Volltext: Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie, 42 (1914)

Herrmann, E.: System der Einwirkung von Sonne und Mond usw. 125 
Diese auf der Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte zu Dresden 
1907 vorgetragenen Ausführungen enthalten bereits die Grundgedanken der nun 
{folgenden Untersuchungen und Darlegungen. 
Eine erneute Anregung, die Sonnen- und Mondperioden im Luftdruckgange 
der einzelnen Orte durch harmonische Analyse festzustellen und auszuwerten, gab 
die Veröffentlichung von van der Stok »Elementaire Theorie der Getijden. Getij- 
konstanten in den Indischen Archipel«!), da es diesem mit Hilfe dieser Methode 
auch möglich gewesen war, die verwickelten Gezeiten des Ostindischen Archipels 
in allgemein gültige Einzelperioden aufzulösen. 
Betrachten wir aber zunächst erst ganz allgemein die bei den atmosphä- 
rischen Vorgängen in Erscheinung tretenden Einflüsse. Daß diese von außerhalb 
der Erde stammen müssen, ist eine alte Weisheit; denn frei von äußeren Ein- 
flüssen würde überall auf der Erde eine gleiche Temperatur herrschen und die 
Flächen gleichen Luftdrucks würden überall mit den Niveauflächen der Erd- 
anziehung und der Zentrifugalkraft der Erdrotation zusammenfallen. Jede Be- 
wegung in der Atmosphäre relativ zur festen Erdoberfläche wäre also aus- 
geschlossen. Ebenso bedurfte es keiner. besonderen Wissenschaft, sondern hat 
sich von selbst schon durch den regelmäßigen Wechsel der Jahreszeiten, solange 
es überhaupt denkende Wesen auf unserem Planeten gibt, aufgedrängt, daß die 
Sonne den wesentlichsten Faktor für die Gestaltung des Wetters und überhaupt 
für alle die Umstände bildet, die die räumlichen und zeitlichen Verschiedenheiten 
der meteorologischen Elemente herbeiführen. Etwas einseitig ist aber wohl die 
Auffassung über die Einwirkung der Sonne auf unseren Planeten insofern 
geblieben, als man nur thermische Wirkungen, auch in ihrer Verschiedenheit für 
die Wasser-. und die Erdoberfläche, in Betracht zog, nicht. aber die immerhin 
vielleicht nicht zu vernachlässigende, dem verschiedenen Sonnenstande. ent- 
sprechende, verschiedene Wirkung der Sonnenanziehung ebenfalls dabei ins Auge 
faßte. Eine Erklärung dafür, daß die atmosphärischen Vorgänge in den ver- 
schiedenen Jahren so außerordentlich verschieden sich abspielen, ist bisher nicht 
gegeben worden. Die Auffassung von der alleinigen Einwirkung der Sonne kann 
sie auch nicht geben; sie dürfte im Gegenteil nach den allgemeinen physi- 
kalischen Anschauungen eine Verschiedenheit des Verlaufs in den verschiedenen 
Jahren ausschließen. Denn bei einem jedes Jahr seit Jahrtausenden sich gleich- 
bleibenden Gange der Sonnenwirkung müßten auch die Folgen dieses Einflusses 
stets die gleichen sein, Das hat man wohl auch‘in meteorologischen Kreisen 
bereits mehr oder weniger empfunden und daher gewisse solche Verschieden- 
heiten auf eine verschiedene Sonnentätigkeit, insbesondere auf das verschiedene 
Auftreten der Sonnenflecken, und eine damit verbundene verschiedene Wärme- 
strahlung der Sonne zurückzuführen gesucht. Die im Verhältnis zur gesamten 
Sonnenstrahlung außerordentliche Kleinheit der durch die Sonnenflecken hervor- 
gerufenen Änderung in der Wärmestrahlung hat man dabei nicht als Hinderungs- 
grund angesehen, auch nicht den Umstand, daß diese Änderungen für die ganze 
Erde die.gleichen sind, also die Einwirkung auf die verschiedenen Teile der Erde 
in gleichem Verhältnis sich ändert. ; ; Se 
Sieht man also von Verschiedenheiten infolge einer verschiedenen Sonnen- 
strahlung ab, so bleibt nur übrig, zur Erklärung der Verschiedenheiten im Ver- 
laufe der atmosphärischen Vorgänge andere von außen an. unseren Planeten 
herantretende Einflüsse anzunehmen. Als nächster und auch theoretisch in dieser 
Beziehung wirksamster Himmelskörper kommt naturgemäß zunächst der Erdmond 
in Betracht, dessen Einwirkung auf die tropfbarflüssige Umhüllung des festen Erd- 
körpers durch die Gezeiten bereits erwiesen ist. Im Gegensatz zu den Sonnen- 
flecken hat man einem etwaigen Mondeinfluß auf die Atmosphäre die Kleinheit 
der Änderung der Schwere durch. die Anziehung des Mondes entgegengestellt. 
Diese vermeintliche Kleinheit ergibt sich aber nur für die vertikale Komponente 
der anziehenden Kraft des Mondes. Die horizontale Komponente dieser Kraft 
\ Übersetzt in »Ann. d. Hydr.« usw. 1911. S. 227 uff.
	        
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