Ann. d. Hydr. usw., XXXXIL Jahrg. (1914), Heft TI.
Das Karische Meer als Seeweg nach Sibirien.
Von Emil Lesshaft, St, Petersburg.
Die Erforschung der Nordöstlichen Durchfahrt ist eines der ältesten geo-
graphischen Probleme. Die ersten Versuche, diese Durchfahrt zu finden und so
zu den östlichen Gestaden Asiens durch das Eismeer hindurch zu gelangen, sind
bereits in das XVI. Jahrhundert zu setzen, wobei die Initiative sowohl den Eng-
ländern als auch den Holländern zukommt. Sie hofften auf einen kürzeren und
bequemeren Weg zu den Schätzen Indiens und Chinas längs dem nördlichen
Gestade des Alten Kontinents. Doch diese Hoffnung zeigte sich in.der Tat als
trügerisch, Die Expeditionen, die zur Umsegelung des Alten Kontinents von
Norden her hinausgeschickt waren, hatten keinen Erfolg aufzuweisen, Es gelang
ihnen nicht, weiter als bis zum Karischen Meere nach Osten vorzudringen, und
die weiteren Versuche zur Forecierung der Nordöstlichen Durchfahrt blieben auf
lange Zeit ruhen. Erst zwei Jahrhunderte später schlug der berühmte russische
Gelehrte Lomonossoff in seiner bekannten Denkschrift einen Weg vor zur Er-
reichung der nordöstlichen Gestade Asiens, Die Expedition Tschitschagoffs, die
mit der Durchführung des Lomonossoffschen Projekts betraut worden war, hatte
ebenso wenig Erfolg wie die Expeditionen Englands und Hollands im XVI. Jahr-
hundert, Erst mit der besseren Kenntnis der Schiffahrtsbedingungen im Kari-
'schen Meere gelang es, längs der Nordküste Asiens zur Meerenge von Behring
durchzudringen und einen freien Austritt in den Stillen Ozean zu finden. Die
erste und bis jetzt einzige glückliche Durchsegelung vom Nordkap zur Behring-
straße ist im Jahre 1878/79 vom Nordenskiöld durchgeführt worden. De Long,
der den Versuch machte, in umgekehrter Richtung durchzudringen, kam bekannt-
lich nicht durch und ging im Eise zugrunde, Nansen und Baron Toll befolgten
andere Ziele und befuhren nur Teilstrecken der nördlichen Passage. ,
Zurzeit ist das Interesse an der Erforschung des Nordöstlichen Dureh-
gangs wieder im Wachsen begriffen, Im vorigen Jahre (1912) stach die Expe-
dition Brussiloffs ins. nördliche Eismeer und hatte sich zum Ziel gesetzt, in
kürzester Zeit den Weg. zur Behringstraße zurückzulegen. Im laufenden Jahre
sollte zu den nördlichen Ufern Asiens die deutsche Expedition von Schröder-
Stranz auslaufen, die sich eine möglichst genaue wissenschaftliche Erforschung
des ozeanischen Küstengeländes zum Ziel gesetzt hatte. Dieser Expedition war
es jedoch nicht beschieden, ihre Aufgabe zu lösen: der größte Teil der Teilnehmer,
sowie der Führer der Expedition selbst, gingen im Jahre 1912 bei einer Vor-
expedition nach Spitzbergen zugrunde. Auch eine ständige Seeverbindung mit
dem westlichen Sibirien anzuknüpfen, ist neuerdings wieder versucht worden.
Im Sommer 1911 machte der englische Kapitän Webster mit dem Dampfer
»Nimrod« eine glückliche Reise zur Flußmündung des Jenissei; im Sommer dieses
Jahres gelangte zum Jenisseibusen die Expedition des »Correct« mit Nansen und
dem Reichsdumamitglied Wostrotin am Bord.) Auch wurden Versuche gemacht
die Nordküste Sibiriens von der Behringstraße aus zu erforschen. So machten
im Jahre 1911 die Eisbrecher »Taimyr« und »Waigatsch« eine glückliche Fahrt
von Wladiwostok aus zur Mündung der Koljima; im Jahre 1912 drangen sie noch
weiter nach Westen vor; auch in diesem Jahre stachen sie zu den nördlichen Gestaden
Sibiriens in See, Im vorigen Jahre wurde eine Expedition ausgesandt zur Aufstel-
lung von Radiotelegraphen auf der Insel Waigatsch und an den Küsten des
Karischen Meeres, - Die Eisverhältnisse im südlichen Teile des Karischen Meeres
erwiesen sich jedoch sehr schwierig, und die Expedition sah sich veranlaßt, ihre
Arbeiten auch in diesem Jahre fortzusetzen.
14) .Jm Jahre 1905 hatte auch bereits eine von der russischen Regierung ausgerüstete Expedition
zur Beförderung von KEisenbahnmaterial die Fahrt nach dem Jenissei und zurück ausgeführt.
Siche »Ann. d. Hydr. usw.« 1906. 8.193 u. ff. D. Red.
Ann. d. Hydr. usw. 1914, Heft I.