504 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Dezember 1913,
Dieser Himmelskörper muß als anziehende Masse ganz ähnlich auf die Erd-
atmosphäre einwirken wie der Mond. Letzterer erzeugt aber nach Tabelle 11
vor Erreichung seiner Erdnähe ein Minimum und bald nach Überschreitung
seines kleinsten Abstandes von unserem Planeten ein Maximum des Luftdrucks
über Europa. Hierin finden wir ohne weiteres den Schlüssel zur Erklärung der
Barometerstandsänderungen im Dezember und Februar, Bekanntlich steht die
Sonne zu Beginn des Jahres in der Erdnähe. Ihre Attraktionswirkung auf
unsere Atmosphäre muß der für den Mond ermittelten entsprechen, also vor
diesem Zeitpunkt eine Verkleinerung, nachher eine Vergrößerung des Barometer-
standes zur Folge haben. Ebenso erhalten auch die plötzliche, auffallende Druck-
abnahme im März sowie die starke Druckzunahme im September, welche aus
den in Europa stattfindenden Wärmeänderungen kaum zu verstehen sind, ihre
ungezwungene Deutung, sofern man die Druckschwankungen im tropischen Monat
zu Rate zieht. Ein Blick auf die entsprechenden Zahlen der Tabelle 11 bestätigt,
daß der Übertritt des Mondes von der südlichen auf die nördliche Himmels-
halbkugel mit einer Verminderung, der rückwärtige Übergang aber mit einer
Erhöhung des Barometerstandes in Europa verbunden ist. Ganz ebenso wirkt
im März bzw. September die Sonne, nur sind bei ihr wegen der größeren Um-
laufszeit die bewirkten Anderungen des Luftdrucks auf kleinere Abschnitte des
Gesamtumlaufs zusammengedrängt als bei dem Mond.
Diese restlosen Aufklärungen über die eigentümlichen jährlichen Schwan-
kungen des mitteleuropäischen Luftdrucks dürften wohl für die Behauptung der
Wirklichkeit jener als vom Mond herrührend gefundenen Druckänderungen eine
ganz besondere Stütze sein,
Wie das Gesamtmittel der Barometerstände von Europa, so bekundet auch
die Luftdruckverteilung daselbst, trotz ihrer geringeren Anderungen, während
der einzelnen Monate eine regelmäßigere Schwankung wie die im Verlaufe eines
Jahres. Es ist nach Figurentafel 17 nicht so leicht, die jährlichen Verschiebungen
des Gebietes mit erhöhtem oder erniedrigtem Luftdruck im Zusammenhang zu
verfolgen wie etwa die monatlichen Wandlungen desselben auf den Figuren-
tafeln 18 und 19. Beim Überschauen der letzteren drängt sich dem sinnenden
Beobachter fast unwillkürlich die Vorstellung von großen Luftdruckwellen auf,
die während der einzelnen Monate über das europäische Gebiet dahinziehen.
Durch den anomalistischen und den tropischen Umlauf des Mondes scheinen
Wellen von gleicher Richtung und gleicher Länge erzeugt zu werden. Ihr Zug
geht von Norden nach Süden und ihre Ausdehnung umfaßt den doppelten Durch-
messer des untersuchten Bereiches, also etwa 50 bis 60 Breitengrade. Die dem
synodischen Monat zugehörige Welle wandert dagegen von Südwesten nach Nord-
osten und hat bei gleicher Geschwindigkeit nur die halbe Länge der anderen.
Während eines synodischen Mondumlaufes fluten demnach zwei aufeinander-
folgende Luftdruckwellen über Europa hinweg, Im Gegensatz hierzu wird man
Wellen gleicher Deutlichkeit, die von der Sonne hervorgerufen sein könnten, auf
den Kärtchen der Figurentafel 17 vergeblich suchen.
Auch diese bemerkenswerten Feststellungen sprechen sehr dafür, daß wir
es bei unseren Ergebnissen nicht mit rein rechnerischen Resultaten zu tun haben,
sondern daß dieselben in den durch die Natur gegebenen Verhältnissen be-
gründet sind,
Einen besonderen Einblick in die Änderungen des Luftdrucks über Europa
erlangt man durch die Ermittlung und Zusammenstellung der größten Schwan-
kungen, welche für die untersuchten Zeitabschnitte an den einzelnen Orten statt-
haben. Nach den Tabellen 4, 6, 8 und 10 sind sie in Tabelle 12 vereint mitgeteilt,
Diese Tabelle enthält zunächst links die absoluten Höchstbeträge der jähr-
lichen und monatlichen Luftdruckänderungen von jedem der gewählten Örter in
Hundertstelmillimeter ausgedrückt. Daneben rechts finden wir die monatlichen
Maximalunterschiede des Barometerstandes in Prozenten der jährlichen angegeben,
Beiden Zahlengruppen sind dann noch die Summen der während der drei Mond-
amläufe sich zeigenden Höchstschwankungen beigefügt.