Reichard, A. C.: Die Arbeiten der internationalen Meeresforschung. . 575
Einblick in die Physik und die Chemie des Meeres, Auf letzteren Gebieten ist
nun durch die hydrographischen Mitarbeiter der internationalen Meeresforschung
bedeutendes geleistet worden, und die erzielten Resultate sind zum Teil so grund-
Jegender Natur, daß sie nicht nur für das eigentliche Arbeitsgebiet, Nord- und
Ostsee, Geltung haben, sondern der hydrographischen Forschung in allen Meeres-
gebieten zugute gekommen sind,
Vor allem waren es die Ausarbeitung wissenschaftlicher Untersuchungs-
methoden und die Konstruktion von zuverlässigen Apparaten, mit welchen sich
die Hydrographen zu befassen hatten und in welcher Richtung sie Bahnbrechen-
des geleistet haben.
Beginnen wir mit den chemischen Eigenschaften des Meeres, so läßt sich
jetzt der Chlorgehalt des Seewassers mit Hilfe des als Vergleichsmaterial be-
nutzten, und von der hydrographischen Abteilung des internationalen Büros in
Kopenhagen hergestellten Normalwassers rasch und genau auf chemische Weise
bestimmen. Die von Knudsen aufgestellten Tabellen geben die Zusammenhänge
zwischen Chlorgehalt, Gesamtsalzgehalt und dem spezifischen Gewicht, so daß
sich diese Faktoren schnell aus dem gefundenen Chlorgehalt berechnen lassen,
Ebenso läßt sich aus dem durch Aräometerbeobachtungen gefundenen spezifischen
Gewicht leicht der Chlor- und. Salzgehalt feststellen. Für die Bestimmung der
im Meerwasser nur in sehr geringen Mengen vorhandenen gelösten Stickstoff-
verbindungen, die als Nahrungsquelle für das pflanzliche Plankton eine außer-
ordentlich wichtige Rolle spielen, sind besonders von Raben in Kiel praktische
Methoden ersonnen worden. Mit den im Meerwasser gelösten Gasen, dem Sauer-
stoff, dem Stickstoff und der Kohlensäure haben sich vor allem Ruppin, Jacobsen
und Fox befaßt, und es liegt nun schon eine große Anzahl von Beobachtungen
über den Gasgehalt des Meerwassers an verschiedenen Orten und zu verschie-
denen Jahreszeiten vor. Ebenso ist die Alkalinität des Meerwassers vielfach
bestimmt und ihr Wesen diskutiert und erklärt worden. Unabhängig von der
internationalen Meeresforschung, aber doch durch deren Untersuchungen angeregt,
hat Palitzsch im Carlsberg-Laboratorium zu Kopenhagen eine Methode zur
Bestimmung der Wasserstoffjonenkonzentration im Seewasser entwickelt.
Hand in Hand mit der Bekanntgabe neuer und exakter Methoden zur
Bestimmung der chemischen Verhältnisse des Meerwassers und einer Fülle sich
aus ihr ergebenden Materials an Beobachtungen sind auch die Erkenntnisse der
Physik des Meeres beträchtlich fortgeschritten. In der Erfindung und Vervoll-
kommnung von Instrumenten ist hier bedeutendes geleistet worden, Nansens
Immersionsaräometer erlaubt eine bisher unerreichte Genauigkeit in der Be-
stimmung der Dichte des Meerwassers. Zur Herstellung der die Wassertemperatur
auf 1/100° genau angebenden Richterschen Kippthermometer sind die Anregungen
von den Gelehrten der internationalen Meeresforschung ausgegangen. Strom-
richtungs- und Geschwindigkeitsmesser sind von verschiedenen Gelehrten kon-
struiert und erprobt worden. Auch die mathematische Behandlung der ge-
sammelten physikalischen Beobachtungen ist nicht zu kurz gekommen; es sei
hier nur die von Helland-Hansen und Sandström entwickelte Methode zur
Berechnung 'der Meeresströmungen angeführt,
Neben den exakten Wissenschaften sind aber auch die beschreibenden
Naturwissenschaften nicht vernachlässigt worden.
Die Planktologen haben durch Untersuchung unzähliger Netzfänge fest-
gestellt, welche Tier- und Pflanzenarten ale Plankton, d, h. ohne größere Eigen-
bewegung im Meere treibend, in.den in Betracht kommenden Gewässern auf-
treten, und haben dann auch versucht quantitative Bestimmungen über das
Vorkommen dieser Arten auszuführen, Das Plankton ist als Nahrung der Fisch-
larven und. Fischjungen von ganz besonderer Wichtigkeit, und sein zahlreicheres
oder spärlicheres Vorkommen in verschiedenen Jahreszeiten und verschiedenen
Jahren ist wohl sicher von großem Einfluß auf die Entwicklung größerer oder
geringerer Mengen von Fischbrut und damit auch nicht ohne Einwirkung auf
die Ergebnisse der Fischerei.