566 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1913,
um 112.5 km? weniger Wasser als um 9%, zu welcher Zeit Hochwasser
östlich der Knotenlinie herrscht. Läßt man die Annahme in sich ge-
schlossener Knotenlinien fallen, so muß man annehmen, daß diese Wassermenge
von den Einbruchstellen, d. i. von der Straße bei Gibraltar, dann bei Messina und
von der Meerenge Sizilien—Tunis bezogen wird. Aufschlüsse darüber können
nur Beobachtungen über die Gezeitenströmungen in diesen Meerengen liefern.
v. Sterneck hat eine eingehende Untersuchung der diesbezüglichen, etwas spär-
lichen Beobachtungen der Strömungen in der Gibraltar-Straße vorgenommen und
ist unter Berücksichtigung des konstanten Stromes der an der Oberfläche vom
Atlantischen Ozean gegen das Mittelmeer einfließt, aber durch einen Unterstrom
kompensiert wird, zum Resultat gelangt, daß in der Zeit von Niedrigwasser zu
Hochwasser 69.8 km* Wasser die Straße von Gibraltar in der Richtung nach
Westen passieren; in der Zeit von Hochwasser zu Niedrigwasser ist die Richtung
des Gezeitenstromes gegen Osten. Die Beobachtungen über die Strömungen in
der Straße von Messina zeigen, daß in der Zeit von 3% bis 9b rund 8 km)
Wasser die Straße passieren, und zwar ist die Strömung ungefähr von 3® bis 9%
nach Norden, von 9b bis 3h nach Süden gerichtet.
Von dem Wasserüberschuß von 112.5 km% den das westliche Mittelmeer
um 9b im Vergleich zu 3% besitzt, kommen somit rund 70 km* von der Einbruch-
stelle bei Gibraltar und rund 8 km3 von jener bei Messina; es bleiben dann noch
34.5 km®, die das westliche Mittelmeer von der Einbruchstelle Tunis-— Sizilien be-
ziehen muß. Da die Straße von Tunis 19.2 km* Querschnitt hat, so entspricht
diesem Betrage eine Horizontalverschiebung von nur 1.8 km in 6 Stunden, also
bloß 0.3 km pro Stunde oder 8 cm pro Sekunde. Eine solche Strömung, obgleich
sie — wohl wegen ihrer Kleinheit — noch nie beobachtet werden konnte, ist in
dieser Meeresstraße nicht unmöglich, so daß die Annahme, daß die 34.5 km?
Wasser durch diese Einbruchstelle bezogen werden, ganz plausibel erscheint.
Die innerhalb der sechs Stunden einströmenden 112.5 km* würden, ohne
Gezeitenschwingung eine Parallelhebung des Wasserniveaus um 13.3 cm ergeben.
Neben dieser allgemeinen Hebung und Senkung des Niveaus treten jetzt noch
die erzwungenen Schwingungen der Gezeiten hinzu und beide Komponenten zu-
sammen liefern die komplizierte Erscheinung der weit gegen Westen verschobenen
Knotenlinie; die Superposition beider KEinflüsse ist imstande das Gezeiten-
phänomen des westlichen Mittelmeeres in allen Details in einfacher Weise zu
erklären, Dieser Auffassung nach ist also das Gezeitenphänomen im
westlichen Mittelmeere eine Zusammensetzung aus einer eigentlichen
Schwingung und einer Parallelbewegung der Oberfläche.
Die kleine Verfrühung der Hafenzeiten am West- und Ostende gegenüber
den Werten der Gleichgewichtstheorie liegt nach v. Sterneck in dem Umstande,
daß der Richtungswechsel der Strömung bei Gibraltar mit den Zeiten des Hoch-
und Niedrigwassers in den angrenzenden Partien des Atlantischen Ozeans
zusammenfällt und nicht mit jenen am Westende des westlichen Mittelmeeres,
Die Strömung bei Gibraltar ist atlantischen Ursprunges und von ihr dürfte auch
die merkwürdige Verfrühung der Eintrittszeiten von Hoch- und Niedrigwasser
im westlichen Becken herrühren,
Wasserbilanz im Adriatischen Meere. Die Durchführung der ganzen
Berechnung, die wegen der zahlreichen Beobachtungsdaten hier bedeutend ge-
nauer als bei den anderen Teilen ist, ergab, daß im ganzen Adriatischen
Meere zur Zeit der Syzygien um 4% insgesamt 16.5 km? mehr Wasser vor-
handen ist als um 10%, Durch die Straße von Otranto findet also eine periodische
Verschiebung von Wasser statt, die vom Jonischen Meere stammt. : Zur eigent-
lichen Gezeitenschwingung tritt also auch im Adriatischen Meere eine Parallel-
hebung des Wasserniveaus um 11,2 cm ein; um diesen Betrag steht das Wasser
im ganzen Adriatischen Meere um 4% höher als um 10%. Diese Parallelbewegung
erzeugt auch hier eine Verschiebung der uneigentlichen Knotenlinie der Schwin-
zungen um etwa 30 km nach Nordwesten, Ohne Parallelbewegung würde die
Knotenlinie der Schwingungen etwa 30 km südostwärts liegen, wodurch beide
Teile der Bucht, der nordwestliche und der südöstliche eine Periode der Eigen-