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Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, November 1913.
Bei der beobachteten Verteilung der Hafenzeiten an der Küste und bei
Konstanz des Wasserquantums ist aber sodann eine gewöhnliche Schaukel-
bewegung von einem Rande zum anderen nicht gut‘ denkbar und deshalb ent-
schloß sich v. Sterneck zur Annahme einer Schwingungsart, die theoretisch bei
kreisförmigen Becken durchaus möglich ist und welche die Erscheinung vollauf
erklären würde. Bei dieser Schwingungsmöglichkeit würde nach Sterneck das
westliche Mittelmeer in drei Teile zerfallen: 1. Das Gebiet im äußersten Westen,
zwischen Südspanien und Nordafrika bis Gibraltar, vollführt eine einfache
Schaukelbewegung um eine Knotenlinie Cap de la Näo—algerische Küste. 2. Das
Tyrrhenische Meer und 3. das Meer zwischen Corsica-Sardinien und den Balearen
haben je eine in sich geschlossene Knotenlinie und vollführen Schwingungen, bei
denen sich das Wasser im Innern des Beckens nach aufwärts, am Rande aber
nach abwärts bewegt und umgekehrt.
In einer vor kurzem in den Sitzungsberichten der Kaiserlichen Akademie
der Wissenschaften in Wien erschienenen zweiten Abhandlung, die den oben an-
geführten Titel führt, läßt jedoch Prof. v. Sterneck diese früher zur Erklärung
der Schwingungen im westlichen Mittelmeerbecken herangezogene Schwingungsart
wieder fallen, Die Gründe, die ihn dazu bewogen, waren zweierlei Art. Erstens
hat Prof. G. Grablovitz, durch die frühere Arbeit v. Sternecks veranlaßt, im
September 1912 Beobachtungen über die Gezeiten auf der kleinen Insel Ponza
im Tyrrhenischen Meer angestellt. Wenn es nun wirklich, wie v., Sterneck annahm,
im Tyrrhenischen Meer eine in sich geschlossene Knotenlinie gäbe, so müßte sich
auf der Insel Ponza bereits die Nähe dieser Knotenlinie in ziemlich auffallender
Weise geltend machen, wenn auch nicht gerade durch eine direkte Umkehrung
der Schwingungsphase im Vergleich zur Küste, so doch durch eine außer-
ordentlich stark verkleinerte, fast auf Null herabsinkende Amplitude, Davon
konnte nun Prof. Grablovitz nichts finden, sondern konstatierte nur eine
mäßige Verkleinerung der Amplitude, wie sie ja beim Übergang von der Fest-
landsküste zu der kleinen Insel Ponza an sich ganz plausibel erscheint.
Was ihn aber zur Aufgabe der Hypothese der in sich geschlossenen
Knotenlinien besonders veranlaßte, war eine genaue Durchsicht des Beobachtungs-
materials, das über die Strömungen in der Gibraltarstraße vorliegt, Diese
zeigten deutlich, daß die von G. H. Darwin ausgesprochene Ansicht, daß das
Mittelmeer als Ganzes und speziell die einzelnen Becken desselben so ziemlich
als abgeschlossene Seen zu betrachten seien, nicht aufrecht zu halten ist. Wenn
nun durch die Einbruchstellen in die einzelnen Becken starke Wasserströmungen
vorhanden sind, kann das Gezeitenphänomen durch sie in den einzelnen Teilen
außerordentlich stark modifiziert werden, »so daß die einzelnen Teile des Mittel-
meeres in mannigfache, bisher unbeachtete Wechselbeziehungen miteinander
treten.«
Von diesem Gesichtspunkte aus sucht v. Sterneck, auf das zur Ver-
fügung stehende Beobachtungsmaterial gestützt, eine einheitliche Darstellung des
Gezeitenphänomens des ganzen Mittelmeeres zu geben, worüber ich hier kurz
referieren möchte.
Als theoretische Grundlage der Untersuchung wählte R. v. Sterneck die
einfachste Annahme über die Wirkung der fluterzeugenden Kräfte, die sogenannte
Gleichgewichtstheorie, die ja nach G. H. Darwin für Seen von nicht über
2000 km Länge numerisch noch ziemlich richtige Resultate ergibt. Zu diesen
direkt erzwungenen Schwingungen der einzelnen Becken kommt nun noch die
Untersuchung über die Bilanz der Wasserquantitäten zur Zeit des Hoch- und
Niedrigwassers für die einzelnen Teilgebiete, Beide zusammen ergeben für die
einzelnen Becken, für die genügendes Beobachtungsmaterial vorhanden ist. nach
v. Sterneck befriedigende Resultate.
Für die Gleichgewichtstheorie, die in der Annahme besteht, daß die frei
bewegliche Wasseroberfläche jeweils die durch Sonne und Mond erzeugte Niveau-
fläche einnimmt, nimmt Sterneck eine besonders einfache Ableitung. Bezeichnet r
der vom Erdmittelpunkt aus gezählte Leitstrahl der Niveaufläche, so ist, wenn
ein Punkt des Äquators um w Grade von dem Punkt, in welchem Sonne und