462 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1913,
sich ein sehr großes Verdienst um die Wissenschaft erwerben, wenn sie bei je
einem der ihnen unterstellten Pegel diese stündlichen Ablesungen der Wasser-
standshöhen aus den Kurven eines Jahres machen ließen und zur wissenschaft-
lichen Bearbeitung bereit hielten, sollten sie es nicht überhaupt vorziehen,
dauernd stündliche Werte ablesen zu lassen, um genaue Kenntnis von den
Schwankungen des Mittelwassers zu erhalten. Den wissenschaftlichen Instituten
würde dadurch die harmonische Analyse ganz wesentlich erleichtert werden,
Zum Schluß sei der Gang der Bearbeitung von Gezeitenkurven, wie er
sich als zweckmäßig erwiesen hat, kurz skizziert:
. 1. Ablesung von sämtlichen Hoch- und Niedrigwasserhöhen und -Zeiten,
Mittelbildung.
2. Daraus mittlerer Tidenhub und Kartennull.
3. Ablesung stündlicher Werte, Berechnug der Tageswerte des Mittel-
wassers nach einer der oben gegebenen Formeln,
4. Daraus Monatsmittel, Jahresmittel und jährlicher Gang des Mittelwassers.
5. Bearbeitung der Kurven nach der in dem Aufsatz »Ein Apparat zur
Auswertung von Gezeitenkurven«, »Ann, d. Hydr. usw.« 1913, S. 247 gegebenen An-
leitung, Berechnung der mittleren Flutkurve und der durch meteorologische
Einflüsse hervorgerufenen Abweichungen von dieser Normalkurve.
6. Berechnung von mittlerem Springniedrigwasser, Nippniedrigwasser,
Nipphochwasser unter Berücksichtigung des Alters der Gezeit, Daraus die ınitt-
leren Spring- und Nipptidenhübe.
7. Berechnung der mittleren Dauer des Steigens und Fallens (s. 5).
8. Berechnung der Gezeitenkonstanten nach Lubbocks Methode (aus-
führliche Anleitung bei Lentz).
Wenn die unter 1 bis 6 aufgeführten Berechnungen von den einzelnen
Pegelstellen gleichförmig fortlaufend bearbeitet werden, wird in wenigen Jahren
ein wertvolles Material zur Verfügung stehen, von dem die Wissenschaft eine
wesentliche Bereicherung der Erkenntnis der Gezeitenerscheinungen in der
Deutschen Bucht erwarten kann,
Ort aus zwei Höhen nach Längen- und Höhenmethode.
Von 6. Reingardt, Offizier des Norddeutschen Lloyd.
Im »Lehrbuch der Navigation« des Reichs-Marine-Amts, 2. Auflage 1906,
Band 2, S. 238 u. ff, ist unter der Überschrift »Die zweite Standlinie ist nach
der Höhenmethode bestimmt worden« ein Verfahren angeführt, mit dem man
schr einfach aus zwei Standlinien den Schiffsort finden kann. Da aus dem Lehr-
buch nicht ersichtlich ist, wo diese Aufgabe in der seemännischen Praxis mit
großem Nutzen verwendet werden kann, soll im folgenden hierauf näher ein-
gegangen werden. Zudem soll darauf hingewiesen werden, daß es häufig vorteil-
haft ist, eine Standlinie nach der Längenmethode mit einer Standlinie nach der
Höhenmethode zusammenzubringen. Alle bekannten Lehrbücher der Navigation
lassen es dieser Aufgabe ermangeln, auch das des Reichs-Marine-Amts führt
unter der obigen Aufgabe ein Beispiel an, in dem beide Standlinien nach der
Höhenmethode gefunden sind.)
Beim täglichen Mittagsbesteck tritt häufig der Fall ein, daß zu der Morgen-
chronometerlänge keine Mittagsbreite beobachtet werden kann, wohl aber eine
zweite Höhe vor oder nach der Kulmination. Liegt diese zweite Höhe in den
Azimuten 15° bis 25°, so ist die Entscheidung nicht leicht, ob man diese zweite
Beobachtung besser nach der Längen- oder nach der Breitenmethode verwendet,
vor allem, wenn man das Azimut vorher nicht genau kennt, Man hat also eine
Höhe beobachtet, »mit der man so recht nichts machen kann«; oder aber man
ist gezwungen, beide Höhen nach der Höhenmethode zu verwenden. Die End-
rechnung zur Bestimmung der Besteckversetzung nach der Höhenmethode be-
1) Das Lehrbuch der Navigation, herausgegeben vom Reichs-Marine-Amt, gibt noch eine Reihe
yon Beispielen anderer Standlinienkombinationen. D. Red.