Hessen, K.: Über die einheitliche. Bearbeitung der Gezeitenerscheinungen in der Deutschen Bucht. 457
noch ziemlich verschieden sein kann, Eine größere Genauigkeit gibt Formel 3,
die aus einer Zerlegung der Kurve in 24 Trapeze entstanden ist. Je eine Seite
der Trapeze ersetzt den zugehörigen Bogenteil der Kurve durch eine gerade
Linie. Formel 4 endlich ist nach der Simpsonschen Regel gebildet; sie hat den
Vorzug vor Formel 3, daß die Bogenteile der Kurve durch parabolische Bögen
ersetzt sind. Sie ist daher die genaueste der vier Formeln, wenn auch die
Anwendung nur dann sich lohnt, wenn man die äußerste Genauigkeit anstrebt.
Als Beispiel setze ich die Mittelwasser von Brunsbüttelkoog am 6. Juni 1906
(beginnend 0* mittags) her, wie sie sich aus den vier Formeln ergeben:
1. MW = +0.0355 m am Pegel
2. MW =— 4 0.0684m « «
3. MW = +0.027/1m « «
4. MW — L00238m « «
Man sieht, daß das MW aus Formel 3 von dem der Wahrheit jedenfalls
am nächsten kommenden Werte aus Formel 4 nur um 3 mm abweicht, aus 1 da-
gegen um mehr als 1 cm und aus 2 um mehr als 3 cm. Die Formel 3 möchte
ich, da sie sich auch in der Meteorologie eingebürgert hat und verhältnismäßig
Jeicht zu berechnen ist, besonders empfehlen,
Man kann nun auch aus einer kleinen Beobachtungsreihe einen brauch-
baren Wert des Mittelwassers erhalten, wenn man wieder, wie oben beim Karten-
null, auf die Schwankungen innerhalb des Jahres Rücksicht nimmt. Wie zu er-
warten, ist nämlich die Schwankung für die ganze Deutsche Bucht nahezu die
gleiche, ja ein Vergleich der aus 14 jährigen Aufzeichnungen des selbstschreibenden
Pegels in Bremerhaven errechneten Werte mit denen dreier holländischer Häfen
(Katwyk,. Harlingen, Urk), die v. d. Stok!) aus 18jährigen Beobachtungen abge-
jeitet hat, ergibt auch für diese Küste eine charakteristische Übereinstimmung
mit der deutschen. Die jährlichen Schwankungen für Bremerhaven, dessen lang-
jähriges Mittelwasser den Pegel in + 0.04 m schneidet, sind die folgenden (auf
die Mitte der Monate bezogen):
‚Jan.
Febr.
März
/ Avril ] Mai | Juni | Juli | Aug, |
Sept. | Okt.
Nor.
| Dez.
1 Del Baal Bro! Bop)_ Sog! _ 7 Tal Bor! 1 Boal-ı Foul Kol 42
1898/1911 -4-0.07] 40.031 —0.101 —0.07l —0.08 0.04 —+0.03| -L0.07| 0.01! -L0.01| 40.04! +0.02
Die hierzu verwandten Mittelwasser sind vom Kgl. Preußischen Geodätischen
Institut zu Potsdam nach Formel 4 berechnet worden.”®)
Auf eine andere Art der Berechnung des Mittelwassers (durch Planimetrieren
ä vue) habe ich in dieser Zeitschrift in dem Artikel »Ein Apparat zur Auswertung
von Gezeitenkurven« hingewiesen. Das Planimetrieren mit den üblichen Typen
der Planimeter scheint bei den Gezeitenkurven nicht den Erwartungen ‚ent-
sprochen zu haben, wohl aber eine Vorrichtung, die an den von dem Ingenieur
Reitz in Hamburg konstruierten Flutmessern angebracht ist.)
Da für die Wissenschaft die Kenntnis der Mittelwasser zur Erforschung
der periodischen und unperiodischen Schwankungen des Meeresniveaus von großer
Bedeutung ist, so sei der Wunsch ausgesprochen, daß die Bearbeiter der Pegel-
kurven möglichst fortlaufend nach einer der genannten Methoden das Mittel-
wasser bestimmen und bei etwaigen Veröffentlichungen angeben, auf welche Art
es berechnet ist. u .
Ehe ich meine Bemerkungen zu der Bearbeitung und Bezeichnungsweise
der Vertikalausmessungen beschließe, sei mir noch gestattet, darauf hinzuweisen,
wie notwendig es ist, daß jedem veröffentlichten Höhenwert eine klare und
deutliche Beziehung zu einem bestimmten. Niveau beigefügt wird (am einfächsten
wohl durch die Bezeichnung »Pegelnull = NN +....) und daß die Lage” des
1) Koninklijk Nederlandsch Meteorologisch Institunt, No. 90, pag. 17. Utrecht 1904,
?) Jahresberichte des Direktors, Potsdam.
3) Es sei auch auf den Mittelwasserpegel von Charles Lallemand (Medimaremöetre) hin-
xewiesen. (»Comptes rendus etec.«, Paris, tome 106, 1888, p. 1526 u. 1637.)
Ann. d. Hrdr. usw. 1912. Heft IX.