452 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, September 1913.
Festsetzung von Spring- bzw. Nippzeit völlig frei ist von zufälligen meteoro-
logischen Einflüssen, die die auf andere Weise berechneten Werte stark ver-
fälschen können. Man würde also z. B. das mittlere Springniedrigwasser eines
Jahres berechnen, indem man zu den Zeiten sämtlicher Neu- und Vollmonde
23/, Tage hinzulegt und die diese einzelnen Zeiten einschließenden Niedrigwasser-
höhen mittelt. Die einschließenden Niedrigwasserhöhen zu nehmen, und nicht
die zunächstliegenden, empfiehlt sich deshalb, weil man dadurch das Resultat von
der täglichen Ungleichheit befreit, die für zwei aufeinander folgende Niedrig-
wasser denselben Zahlenwert, aber mit entgegengesetzten Zeichen, hat. Auf diese
Weise sind vom Kaiserlichen Observatorium von sämtlichen Häfen der deutschen
Nordseeküste, für die genügende Beobachtungen vorliegen, aus einer größeren
Anzahl von Jahren die mittleren Spring- und Nipp-Hochwasser, Niedrigwasser
und Tidenhub in einheitlicher Weise berechnet worden. Es haben sich dabei
zum Teil nicht unerhebliche Abweichungen gegen die von einzelnen anderen
Behörden berechneten Werte ergeben, die eben davon herrühren, daß eine andere
Berechnungsart angewandt worden ist,
Ich komme nunmehr zur Erklärung des Kartenniveaus (besser Kartennull),
die übrigens von dem Staatssekretär des Reichs-Marine-Amts vor einigen Jahren
für die Deutsche Bucht anders festgesetzt ist, als man in den »Zusammen-
stellungen« angegeben findet. Das Kartennull liegt nämlich jetzt für die
deutschen Häfen der Nordsee 0.30 m tiefer als ınittleres Springniedrigwasser,
Zu dem Wert 0.30 m, einer Sicherheitsgröße, die verhindern soll, daß die Tiefen
auf den Seekarten zu groß angegeben werden, ist man dadurch gekommen, daß
das Pegelnull am Wilhelmshavener Pegel, der als Basis für die Vorausberech-
nungen der Gezeiten der Deutschen Bucht, wie sie in den Gezeitentafeln gegeben
werden, genommen wird und deshalb besondere Bedeutung hat, nach allerdings
nicht ganz einwandfreien Rechnungen 0,30 m unter Wilhelmshavener mittlerem
Springniedrigwasser liegt. Neuere Rechnungen, die auf sämtlichen nach obiger
Methode ermittelten Springniedrigwassern von acht Jahren beruhen, ergeben,
daß mittleres Springniedrigwasser den Wilhelmshavener Pegel in +0.41 m
schneidet, also 11 cm höher, wie früher angenommen.
Nun befriedigt an sich die somit als willkürlich gewählt erwiesene Zahl 0.30
nicht, wenn sie auch für die Praxis ausreichen dürfte, Sieht man die Sache von
einem anderen Gesichtspunkte an, so ergeben sich aber noch gewichtigere Gründe,
die gegen diese Art der Festsetzung des Kartennulls sprechen, Es ist nämlich
die Unmöglichkeit, das mittlere Springniedrigwasser aus einem kleinen Beob-
achtungsmaterial (sagen wir von einem Jahr, oder einigen Monaten) mit ge-
nügender Sicherheit festzulegen. Im Jahre findet nämlich nur 24 mal Springzeit
statt, die wenigen Werte, die man zur Mittelbildung benutzen kann, können also
leicht durch meteorologische Einflüsse, die der geringen Zahl wegen keinen
Ausgleich finden, stark verfälscht sein. Die Amerikaner helfen sich so, daß sie
als Kartennull das mittlere Niedrigwasser annehmen. Wenn ihnen nun auch
hierbei jährlich über 700 Werte zur Berechnung zur Verfügung stehen und damit
eine große Sicherheit erreicht ist, so steht demgegenüber der Nachteil, daß die
Tiefenangaben der Karten vielfach größer sind, als wie sie sich durch Lotung
ergeben und bei den Niedrigwasserhöhen sehr häufig negative Werte auftreten.
Ein Ausweg ist durch die Festsetzung des französischen Kartennull angedeutet.
In Frankreich ermittelt man nämlich das Kartennull, indem man den halben
mittleren Tidenhub, multipliziert mit 1.2 von der Höhe des Mittelwassers in
Abzug bringt. Wenn man die einzelnen Vorteile der verschiedenen Berechnungs-
arten gegeneinander abwägt, so kann man etwa zu folgendem Vorschlage
kommen: Man berechnet das Kartennull in der Deutschen Bucht, indem man von
der mittleren Niedrigwasserhöhe !/„ des mittleren Tidenhubs in Abzug bringt.
Die Zahl !/; (sie ist für jeden Meeresteil passend zu wählen) ist natürlich auch
wieder, weil willkürlich gewählt, unbefriedigend und könnte auch durch eine
andere ersetzt werden (z. B. !/, oder !/,), diese Willkürlichkeit läßt sich aber
gewissermaßen dadurch rechtfertigen, daß nunmehr genügend Daten vorhanden
sind. um auch aus einer kürzeren Beobachtungsreihe das Kartennull mit großer