416 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1913.
nächster Nähe am mächtigsten ist und nach außen hin allmählich dünner wird.
Dementsprechend deutet er die Ergebnisse der von Barnes ausgeführten
Messungen folgendermaßen: Bei den ersten Versuchen von Barnes befand sich
das Thermometer 5 Fuß unter der Wasseroberfläche, so daß es unter der kalten
Schmelzwasser-Deckschicht blieb, in die es erst dort hineingeriet, wo diese Schicht
dicht am Eisberg eine größere Dicke erreichte. Daher rührt der plötzliche
Temperaturfall. Später befand sich das Thermometer 18 Fuß unter der Ober-
fläche, eine Tiefe bis zu der die kalte Deckschicht nicht hinabreichte, Deshalb
blieb die Temperatur bis an die unmittelbare Nähe des Berges heran hoch. Die
Zunahme der Temperatur mit der Annäherung an den Eisberg rührt nach Aitken
lediglich daher, daß die oberste Schicht des warmen ÖOzeanwassers unter die
kalte Deckschicht taucht und um so tiefer hinabgedrückt wird, je mächtiger diese
wird. Dicht am Eisberg, wo die Deckschicht ihre größte Dicke erreicht, liegt
die Schicht größten Wärmegehaltes demnach am tiefsten, Nähert man sich also
in horizontaler Richtung dem Eisberge, so bringt man das in der Tiefe von
einigen Metern befestigte Instrument der ursprünglich an der Oberfläche ge-
wesenen und daher wärmsten Schicht salzigen Ozeanwassers immer näher, weshalb
die Temperatur stetig steigen muß. Der prinzipielle Unterschied in den Auf-
fassungen von Barnes und Aitken kommt somit namentlich darin zum Aus-
druck, daß der letztere eine Neigung der Wasserschichten nach dem Eisberg
hin annimmt.
Es läßt sich nicht leugnen, daß dieser Erklärungsversuch manches für sich
hat, und wenn er richtig ist, so ergibt sich daraus die Nutzanwendung, daß zur
Erkennung der Eisgefahr zwei Thermometer erforderlich sind, von denen das
eine dicht unter der Oberfläche, das zweite einige Meter tiefer angebracht werden
müßte. Unter normalen Verhältnissen ist dann zu erwarten, daß die Angaben
beider Instrumente nur eine geringe, ziemlich konstante Differenz zeigen werden,
welche bei der Annäherung von Eis beträchtlich zunimmt,!) Man darf wohl
hoffen, daß eine Fortsetzung der Temperaturmessungen in der Nähe von Eis-
bergen bald völlige Klarheit über diese Frage bringen wird. Allerdings würde
es sich empfehlen, die weiteren Untersuchungen systematischer zu gestalten und
bei ihnen alle Faktoren zu berücksichtigen, die möglicherweise in Betracht
kommen könnten,
Es sei mir daher gestattet, noch auf eine Wärmequelle hinzuweisen, die
meines Wissens bisher in der Ozeanographie noch keine Berücksichtigung ge-
funden hat, gerade in dem vorliegenden Falle aber vielleicht doch eine gewisse
Rolle spielen könnte,
Im Komitate Udvarhely in Siebenbürgen gibt es Seen, die mit starken
Kochsalzlösungen, bis zu etwa 25°/, Salzgehalt, angefüllt sind, deren ungewöhnlich
hohe Temperatur man früher dem Zufluß warmer, in der Tiefe einmündender
Quellen zuschrieb. Später stellte sich jedoch heraus, daß derartige Zuflüsse
nicht vorhanden sind, und schließlich gelang dem Chefchemiker der Ungarischen
Geologischen Reichsanstalt Alexander v. Kalecsinsky der Nachweis, daß die
hohe Temperatur, die in etwa 1.3 m Tiefe ihr Maximum erreicht und im Sommer
55° bis 70°C betragen kann, lediglich der Überlagerung durch eine dünne Schicht
von Süßwasser zu verdanken ist. Wie auf experimentellem Wege nachgewiesen
werden konnte,”) erfolgt die Erwärmung dabei durch die Sonnenstrahlung, und
sie ist um so größer, je dünner die Süßwasserdeckschicht ist. Wir haben hier,
wo Konvektionsströmungen so gut wie ausgeschlossen sind, ein schönes Beispiel
für die geringe Wärmeleitung der Flüssigkeiten vor uns, Da nach einer Be-
rechnung von P. Lenard die Wärmezufuhr durch Sonnenstrahlung etwa neunmal
so groß ist wie der Wärmeverlust, so bilden diese Kochsalzseen natürliche Wärme-
1) John Aitken: The Influence of Icebergs on the Temperature of the Sea. Nature.
London 1913. Bd. 91, 8. 10.
®) Alexander v. Kalecsinsky: Über die Akkumulation der Sonnenwärme in verschiedenen
Flüssigkeiten. Sonderabdr. aus dem Mathematischen und Naturwissenschaftlichen Berichte aus Ungarn.
XXI. Leipzig 1904, 24 Seiten.