Wagner, H.: Zur Geschichte der Seemeile.
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rikern des 19.Jahrhunderts in das Zeitalter der Entdeckungen hinein-
getragen. . 8
Um aber nicht neue Mißverständnisse hervorzurufen, sei ausdrücklich zu-
restanden, daß die Annahme i
1° = 60 miliaria
allerdings schon im 15. Jahrhundert auftritt und im Laufe des 16, und 17. Jahr-
hunderts ständig wiederkehrt, ja herrschend war. Aber anfänglich aus-
schließlich bei den Kosmographen und zwar, soviel ich ersehen kann, zu-
erst im engen Anschluß an Landkarten. In gedruckten Werken bin ich ihr
zuerst in der Ulmer Ausgabe des Ptolemäus von 1482 begegnet, wo es auf den
Karten von Südasien im Aquator heißt: »Unus gradus habet 60 miliaria«, Da
wir nun heute wissen, daß der Verfasser dieser Ausgabe, Nicolaus Germanus,
bereits 1466 Handschriften des Ptolemäus mit Karten versehen hat, so ist die
Vermutung nicht von der Hand zu weisen, daß dieser Deutsche auch der Urheber
des 60teiligen Erdgrades ist. Ich sehe in diesem nichts anderes als eine bessere
Anpassung der Ptolemäischen Annahme, 62!/,° == 1°, an das Gradnetz der Karten,
eine unbewußte Schöpfung der späteren Minutenmeile. In einer Zeit, wo
die verschiedensten Vermutungen über die Größe der Erde, wie sie oben im
Gegensatz zu Peschels Behauptung skizziert sind, gang und gäbe waren, war der
Fehler nicht groß, wenn man dem Erdgrad statt 621/, römische Meilen deren 60
gab. Man erlangte dadurch den Vorteil der besseren Teilbarkeit des Grades
nach Meilen, so daß es sich nach dieser Auffassung um einen ähnlichen Schritt
gehandelt haben würde, wie ihn einst Eratosthenes tat, als er das Ergebnis seiner
sogenannten Erdmessung (die man besser eine Berechnung nennen wird) von
250 000 Stadien für den Erdumfang nach oben »abrundete« auf 252 000, damit
auf den Erdgrad die runde Zahl von 700 Stadien entfalle. Einer ähnlichen Auf-
fassung begegnet man bereits bei Bartolomeo Crescentio im Jahre 1607. In
seiner Nautica mediterranea (Roma, 1607, p. 177) sagt er, sich allerdings als ein
schlechter Kenner der antiken Literatur erweisend: »Tolomeo, Martino (sic! statt
Marino) e gli. antichi vogliano che ogni grado contenga miglia 60. di passi
geometrici, da einque piedi l’uno (forse fondati piüı presto nella commoditä del
numero 60. attissimo dividersi in molte parti, senza far rotti e attribuendo ad
ogni minuto di grado un miglio, che nella realitä della misura).«
Wie man sich nun aber auch die Entstehung dieser Annahme denken
mag, es ist dabei doch nach den Anschauungen damaliger Zeit von keiner
anderen Meile als der römischen Meile die Rede, die nun unter den Kosmo-
graphen den Namen erhält:
Miliare Italieum.
»Miliare Italicum habet 1000 passus; Passus geometricus quo utitur Cos-
mometra habet 5 pedes. Miliare Italieum habet 8 stadia. Secundum aliquos
480 stadia uni gradui aequinoctialis correspondent. Quae 15 miliaria germanica
aut 60 italica mensurant; Galli sive Franci 25 leucas uni gradui tribuunt.
Hispani vero leucas 18.« Aus dieser Zusammenstellung Peter Apians in seinem
zuerst 1524 erschienenen Cosmographicus liber, das während eines Jahrhunderts
immer wieder aufgelegt wurde, geht unzweideutig hervor, was in betreff der
Identität des Miliare Italicum mit der römischen Meile oben ausgesprochen ist.
Des weiteren folgt aber daraus mit zwingender Notwendigkeit, daß diese
Kosmographen des 16. Jahrhunderts sich die Erde wesentlich zu klein
dachten, ja noch kleiner als aus dem Ptolemäischen Werte 1° — 62’, M. folgt.
Das muß auf das nachdrücklichste hervorgehoben werden, besonders da nicht
nur ziemlich allgemein unter Laien, sondern auch unter den Historikern der
Geographie so oft gefolgert wird, man habe in Deutschland und Italien damals
schon eine richtige Vorstellung von der Größe der Erde gehabt, da man
1°=15 Mil. Germanica =— 60 Mil. Italica
angenommen habe. Aber, wie eben dargelegt ist, bedeuten diese 60 italienischen
Meilen nichts anderes als römische = 1480 M. Damit soll aber nicht gesagt
werden, daß jene Zeiten um 1500 sehon eine richtige Vorstellung von der Größe