396 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, August 1913,
sind aber fast durchweg der neueren Zeit entnommen. Die Frage liegt also nahe,
ob sich denn nicht doch auch in älteren Zeiten warnende Stimmen dagegen
erhoben haben, daß die bloße Annahme einer bestimmten Zahl von Meilen auf
den Erdgrad keineswegs schon eine richtige Kenntnis der Größe der Erde voraus-
setze, In der Tat habe ich die einschlägige kosmographische wie nautische
Literatur des 16. und 17, Jahrhunderts emsig, wenn auch nicht erschöpfend
durchmustert, ohne vor dem Jahre 1715 einer so klar meiner Argumentation sich
anschließenden Bemerkung zu begegnen, wie sie Henry Wilson in seinem
Treatise of Navigation!) ausspricht, anknüpfend an der Länge der Knoten bei der
Log-Linie: »It is an undeniable Truth, and apparent to all Mens Reason, that
one Knot upon the Log-line should be the 120th Part of a Mile; because Half a
Minute is the 120th Part of an Hour, but the Difficulty arises from the
different Opinions, as to how many Feet, Yards ete. there is in one
Degree of x great Circle upon the Earth«. Indem Wilson dann wieder,
wie in der Mehrzahl der englischen Lehrbücher der Navigation seit Mitte des
17. Jahrhunderts geschah, auf Oughtreds Bestimmung des Erdgrads zu 349800
und diejenige Rich, Norwoods zu 367200 »of our English Feet« hinweist und
hieraus den Knoten oder den 120.60 = 7200ten Teil des Erdgrads zu 487/,
bzw. 51 Feet berechnete, bekräftigt er die schon 60 Jahre vorher in England
erhobene Forderung, die bisherige Annahme des Knoten (the Way of dividing
the Log-line that is commonly received and used by most Mariners) zu 42 Feet
fallen zu lassen und zu einem größeren Werte überzugehen.
Wir werden unten sehen, daß ähnliche Argumente gegen die bisherige
unrichtige Annahme der Größe der Seemeile, falls man sie dem 60, Teile des
Erdgrads gleichsetzte, schon im 17, Jahrhundert ins Feld geführt sind. Die klare
Erkenntnis ihres falschen Wertes geht unverkennbar auf Richard Norwood
(1636) zurück,
Führen wir auch einen Franzosen als Zeugen dafür an, daß es falsch wäre,
den Italienern des 16. und 17. Jahrhunderts deshalb bereits eine richtige Kenntnis
der Größe des Erdgrads zuzuschreiben, weil sie in diesen Zeiten zumeist auf den
Grad 60 italienische Miglien rechneten, Indem Pierre Bouguer, der eine der
bekannten Leiter der französichen Gradmessung in Peru, in seinem Traite de
Navigation?) auf die Vergleichung der Wegemaße seiner Zeit zu sprechen kommt,
sagt er: »Les Italiens se servent de milles, qui &toient cense&s de 1000 pas
gEometriques ou pas doubles, qui sont chacun 5 pieds; et ils supposoient que 60
de ces milles faisoient un degre, Cette maniere d’&valuer les distances est fort
commode: Le mille d’Italie doit valoir une minute de degre terrestre, ou un
tiers de nos lieues marines, Mais il faut donc n6cessairement en changer
la longueur, et l’augmenter d’environ une 7me partie. En effet 1000 pas
geometriques ou 5000 pieds de Roy ne repondent qu’a 833 toises un tiers; au lieu
qu'il faut donner 950 toises au mille pour le rendre egal ä nos tiers de lieue ou
aux minutes des degrez des Meridiens ou de l’Equateur que nous conside&rons
comme EgauxX«,
4. Nach dieser kurzen Einleitung, welche mehr die methodische Seite der
Untersuchung ins Licht stellen sollte, wende ich mich zur Geschichte der See-
meile im Zusammenhang. Es würde über den Rahmen dieser Studie hinaus-
gehen, wollten wir sie in allen Phasen, welche sich bei den verschiedenen
seefahrenden Nationen abgespielt haben, verfolgen. Nur die Haupttypen, die sich
nicht nur für längere Jahrhunderte erhalten, sondern auch eine weltweite Ver-
breitung, einen internationalen Charakter erhalten haben, sollen erörtert werden.
Vom Altertume wird dabei abgesehen. Die Frage der Existenz etwaiger
Seestadien neben Landstadien ist noch zu wenig abgeklärt, um auch nur mit
einigen Strichen angedeutet zu werden.
Mit dem Auftauchen der mittelalterlichen nautischen Karten der Italiener
1) Navigation New Modell’d: or, a Treatise of Geometrical, Trigonometrical, Arithmetrical,
Instrumental and Practical Navigation br Henry Wilson, London 1715, p. 188 and 189.
?) Paris 1753, p. 73.