374
Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juli 1913,
Island. Die Küsten Islands blieben das ganze Jahr eisfrei, Treibeis
wurde aber in einiger Entfernung von der Nordküste im Sommer zuweilen an-
getroffen, im August wurden drei Eisberge bei Kap Nord gesichtet.
Davis-Straße und Baffin-Bai. Im Herbst 1911 war die Westküste
Grönlands eisfrei, Mitte Dezember erschien das erste Packeis bei Kap Farewell
und besetzte mehr oder minder dauerhaft die Westküste, — Die mittlere Ge-
schwindigkeit der Trift des Eises wird im Bericht des dänischen Instituts auf
9 Sm geschätzt. — Im Sommer war die Schiffahrt im südlichen Teil der West-
küste zuweilen durch Eis gehemmt, im nördlichen Teil lagen die Verhältnisse
günstiger. Von September bis November war die Westküste eisfrei, jedoch
wurden viele Eisberge gesichtet. In der Hudson-Straße wurden im Sep-
tember ungewöhnlich viel Eisberge beobachtet, sonstige Meldungen aus diesem
Gebiet fehlen.
Nordatlantischer Ozean. Bei den Neufundland-Bänken gelangte das
Eis im Jahre 1912 südlicher als in irgendeinem Jahre seit 1897. Die Eisberge
kamen bis 37%,° N-Br., Treibeis bis 37'/,° N-Br. Die ersten Eisberge zeigten sich
im Januar, Februar und März; am 14. April ereignete sich der verhängnisvolle
Zusammenstoß der »Titanic« mit einem Eisberg. Die Eisberge breiteten sich
mehr und mehr südlich und östlich aus, so daß die Dampferrouten mehrfach
verlegt wurden. Im Mai wurden 1110 Eisberge gemeldet, während im Juli 1911
die größte Zahl 475 betrug; auch das Packeis gelangte ungemein südlich, Die
Abnahme der Eismeldungen in den späteren Monaten ist wahrscheinlich auf die
Verlezung der Dampferrouten zurückzuführen, erst im September waren die
Verhältnisse wieder normal, Schweres Packeis und viel Eisberge wurden auch
in der Belle Isle-Straße beobachtet,
Bering-Straße, Die Eisverhältnisse in der Bering-Straße waren günstig
zu nennen; Mitte August war die Küste vom Süden bis Point Barrow eisfrei,
Von der Beaufort-See lagen keine Berichte vor.
Zusammenfassung. Ungünstig waren die Eisverhältnisse in der Kara-
und Barents-See sowie im Weißen Meer, günstig an der ostgrönländischen Küste
bei Angmagsalik und in der -Bering-Straße. Außergewöhnlich schwer und weit
südlich reichend war die Eistrift bei den Neufundland-Bänken.
Zum Schluß seien noch zwei Temperaturreihen, die der Dampfer »Godthaab«
im ostgrönländischen Polarstrom nahm, angeführt, da sie in dem dänischen Bericht
leicht unbeachtet bleiben.
+ 759° 48' N-Br. 75° 10 N-Br.,
Tiefe 7° 32 W-Lg. 13° 5U' W-Le.
— 0.79 — 0.1°
— 1.4° — 1.59
— 1.19 —2.0°
— 0.2° — 1.9°
— 920°
Dr. W. Brennecke.
2. Die Unterstützung der Navigation durch Temperaturmessungen in
der Nähe von treibenden Eisbergen. Herr J. Thoulet macht in »Le Yacht«
folgende Mitteilung: Kapitän Baudelon der »Compagnie Generale Transatlantique«
hat kürzlich zwei Aufsätze von großem Interesse veröffentlicht, betitelt: »Die
Überfahrten von Europa nach New York und das Studium der außergewöhnlichen
Eistrift von 1912 im Atlantischen Ozean«,
Die Veröffentlichungen sind veranlaßt durch das schreckliche Unglück der
»Titanic«, Ohne von neuem auf die Einzelheiten der begangenen Fehler ein-
zugehen, schlägt der Verfasser eine Methode vor, nach der es möglich sei, die
Schiffahrt gegen die Gefahr der treibenden Eisberge zu schützen, hauptsächlich
in den gefürchteten Gewässern innerhalb 35° und 60° W-Lg. und etwa 42° und
44° N-Br. Zum Verständnis wird folgendes vorausgeschickt: Lange vor dem
Schiffbruch der »Titanic« ließ Kapt. Baudelon während der zahlreichen Über-
fahrten zwischen Havre und New York in den Gewässern, in denen Eisberge
treiben, die Temperatur des Meerwassers stündlich messen. Diese Arbeit dauerte