306 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, Juni 1913.
rektors unter der Richtkraft des Kompasses zu verstehen und wie man diese
Größe zu berechnen hat. Der ursprüngliche Begriff der Richtkraft reicht hier
nicht aus. Er ist für den Fall gebildet, daß eine Kompaßrose in einem homo-
genen magnetischen Felde drehbar aufgehängt ist, einem Felde, das unabhängig
von der Rose da ist und das im Folgenden als ein von außen auf die Rose wir-
kendes oder äußeres Feld bezeichnet werden soll,
Die Rose sucht sich in diesem Falle parallel zu den Kraftlinien des Feldes
einzustellen. Wird sie um einen Winkel «x aus der Richtung des Feldes ab-
gelenkt, so erfährt sie ein Drehmoment
4= — F-M- sin «)).
Hierin bedeutet F die Feldstärke, M das magnetische Moment der Rose.
Für die Größe des Drehmomentes ist bei festgehaltenem Werte von « das
Produkt F-M maßgebend, das zweckmäßig als Richtmoment?) bezeichnet wird.
Die »Richtkraft« ist der erste Faktor dieses Produktes, d. h. die von außen auf
die Rose wirkende Feldstärke. Wirken mehrere äußere Felder auf die Rose,
so hat man sie zu einem resultierenden Feld zu vereinigen, oder man berechnet
für jedes Feld gesondert das Drehmoment und addiert diese Drehmomente.,
Diese einfache Zusammensetzung gilt wie gesagt nur für den Fall, daß äußere
magnetische Felder auf die Rose wirken, sie ist unstatthaft, wenn magnetische
Kräfte hinzukommen, deren Größe und Richtung von der Stellung der Rose selbst
abhängt. Um solche Kräfte handelt es sich nun gerade bei der Nadelinduktion.
Liegt z. B. parallel zu den Kraftlinien des Feldes unter der Rose ein kleiner
Weicheisenstab, so induziert das Rosensystem in ihm ungleichnamige Pole (siehe
Figur 1), die offensichtig eine Vergrößerung des Richtmomentes bewirken.) Zu
seiner Berechnung genügt aber der oben festgestellte Begriff der Richtkraft
nicht. Man erkennt das noch klarer, wenn man den Stab nicht parallel, sondern
senkrecht zu den Linien des Magnetfeldes gelegt denkt. In diesem Falle könnte
man zunächst meinen, der Stab sei ganz ohne Einfluß auf die Richtkraft, da
eine Induktion wegen der Gleichheit der Polentfernungen nicht stattfindet (Figur 2),
so daß eine vom induzierten Magnetismus herrührende Feldstärke am Rosenorte
überhaupt nicht in Frage kommt. Und doch wird das Einstellungsvermögen in
diesem Falle durch den Korrektor zweifellos herabgesetzt, da mit jeder Drehung
der Rose rechts oder links eine Induktion im Stabe verbunden ist, und zwar
derart, daß die im Stabe entstehenden ungleichnamigen Pole die Drehung im
einen wie im anderen Falle zu vergrößern streben (Figur 3), was eine Ver-
ringerung des Einstellungsvermögens bedeutet.
Fie. * Fiese. 2
Der
Um den Begriff der Richtkraft zu erweitern, so daß er auf den erwähnten
Fall anwendbar bleibt, ist es nötig, auf das Drehmoment @ A zurückzugehen, das
1) In diesem Ausdruck sei « rechts herum als positiv gezählt, ebenso ist das Drehmoment 4
positiv, wenn es die Rose rechts herum zu drehen sucht, Diese Festsetzung, die die Zufügung des
auf der rechten Seite stehenden Minuszeichens bedingt, ist für das Folgende zweckmäßig.
2) Leider ist für dieses Produkt vielfach noch der Name »Richtkraft« gebräuchlich. Da es
keine Kraft darstellt, so sollte eine solche Bezeichnung aufgegeben werden. Es würden viele Unklar-
heiten vermieden, wenn die Begriffe Richtmoment und Richtkraft schärfer unterschieden würden. Die
Benennung ist hier in Übereinstimmung mit dem in der Kaiserlichen Marine gebrauchten Werke
E, Rottok, Deviationstheorie, Berlin 1903, gewählt.
3) In den Figuren ist die Rose durch einen einfachen Pfeil angedeutet. Die Nadelpole sind
mit N und S, die durch Nadelinduktion im Stabe erzeugten Pole mit (n) und (s) bezeichnet.