Brehmer: Über die Jahresschwankung im mittleren Wasserstande der Nordsee und der Ostsee, 233
Vorteil, dem Vorhandensein anderer Wellen von anderer als ganzjähriger Periode
auf die Spur zu kommen und ihre Wahrscheinlichkeit zu prüfen,
Um die ganze Erscheinung auf breiterer Grundlage darstellen und unter-
suchen zu können, begann ich mit der Analysierung der Wasserstände und des
Tidenhubs im unteren Lauf der Elbe von Artlenburg bis Cuxhaven. Der Ein-
fachheit halber untersuchte ich hier das Mittelwasser, da es mir nicht auf die
absolute Höhe eines mittleren Wasserstandes ankam als vielmehr auf Amplitude
und Phase der Jahresperiode. Eine Umrechnung des Mittelwassers auf mittlere
Wasserstände konnte nicht erfolgen, da der Zusammenhang beider Mittel in Flüssen
nicht bekannt ist. Die Monatsmittel der verwendeten Jahre 1900 bis 1909 ent-
nahm ich dem als Manuskript gedruckten Hefte der Baudeputation in Hamburg
(Sektion für Strom- und Hafenbau): Mittlere Elbwasserstände in dem 10jährigen
Zeitraum 1900 bis 1909. Vom November 1900 finden sie sich auch im Jahrbuch
der. Gewässerkunde, vorher in den Mitteilungen der Elbstrombauverwaltung
Magdeburg. In trigonometrischen Reihen finden sich Tidenhub und Mittel-
wasser auf S. 234 bis 237 dargestellt. Die Rechnungen ergaben das Vorhandensein
zweier Wellen, einer ganzjährigen und einer halbjährlichen Periode. Im Durch-
schnitt der bearbeiteten 10 Jahre überwiegt bei Cuxhaven die Jahresperiode.
Die durchschnittliche Höhe des Mittelwassers beträgt im Jahrzehnt 1900 bis 1909
(in Zentimetern):
— 26472. cos (x — 293°) + 4.2 . cos (2 x — 41%1)
+1 +2 + 30° +2 + 50°
wo 30x einen Monat bedeutet, gezählt vom 1. Januar,
Betrachtet man die Phase der Jahresschwankung von Pegel zu Pegel
stromaufwärts, so findet man deutlich eine langsame Verfrühung der Phase; im
Durchschnitt der 10 Jahre beträgt die Phase
in Cuxhaven: 293°, die Jahresschwankung hat also ihr Maximum: Ende Oktober, unsicher um 1 Monat,
+ Artlenburg: 73°, » . Anfang März.
Auch die Amplituden der Perioden beider Orte weisen bedeutende Unter-
schiede auf: in Cuxhaven beträgt sie im Durchschnitt der 10 Jahre: 7.2 cm, in
Artlenburg dagegen 100 cm. Damit ist die gänzliche Verschiedenartigkeit der
Jahresperioden an beiden Orten festgestellt. Die Jahresperiode in der Nordsee
hat einen gänzlich anderen Charakter als die Jahresperiode des Mittelwassers
im Oberlauf der Elbe, eine Abhängigkeit beider voneinander ist ausgeschlossen.
Diese Feststellung deckt sich‘ mit einer Ausführung van der Stoks,?) der auf
den gänzlich verschiedenartigen Charakter der Jahresperiode des Mittelwassers
bei den holländischen Flüssen und der Nordsee hinweist.
Interessante Nebenergebnisse gewinnt man bei näherer Betrachtung der
Tabelle 1. Verfolgt man in den einzelnen Jahren die Amplituden der Jahres-
periode in Mittelwasser und Tidenhub von Cuxhaven stromaufwärts, so gibt
sich in den meisten Jahren ziemlich deutlich zu erkennen, daß die Größenord-
nung dieser Amplituden von Cuxhaven bis Hamburg dieselbe bleibt, während
sie sich oberhalb Hamburgs schnell ändert. Die Amplitude der Tidenhub-
Jahresperiode zeigt diesen gleichen Charakter der Elbe zwischen Hamburg und
Cuxhaven besonders deutlich, in der Jahresperiode des Mittelwassers ist diese
Erscheinung in den Jahren 1900 bis 1902 und 1907 weniger erkennbar. Die
starke Verwandtschaft dieser Wasserstandserscheinungen auf der ganzen Unter-
elbe unterhalb Hamburgs mit den Verhältnissen der Nordsee bei Cuxhaven ist
wohl begründet in dem Ausbau der Unterelbe als Großschiffahrtsweg. In diesen
wurde im Verlauf des bearbeiteten Jahrzehnts auch Harburg hineinbezogen, was
sich von 1901 an von Jahr zu Jahr immer deutlicher im Tidenhub und in der
Amplitude der Tidenhub-Jahresperiode, etwas weniger deutlich in der Mittel-
wasser-Jahresperiode ausprägt. (Fortsetzung des Textes S, 238.)
. Die hier und in den Tabellen unter den Größen der” harmonischen Analyse stehenden
kleineren Zahlen geben ihren mittleren Fehler.
zz van der Stok, Etudes des phe&nomenes de maree sur les cötes n6erlandaises, I. p. 22.