216 Annalen der Hydrographie und Maritimen Meteorologie, April 1913.
Rande einer ausgedehnten Cumulus-Wolke schob sich ein spitzer Ausläufer nach
unten vor, der sich allmählich herabsenkte und die Form eines vom Himmel
herabhängenden, spitzen Rüssels annahm. Schon kurz nachdem sich der Wolken-
ausläufer gebildet hatte, war auf einer darunter liegenden Stelle der Meeres-
oberfläche gewissermaßen ein Kochen bemerkbar, das einen Wassernebel erzeugte.
In diesen Wassernebel tauchte schließlich der Rüssel, blieb darin sichtbar und
bildete auf der Wasseroberfläche einen verdickten Kopf. Durch die Mitte des
Rüssels, von der Wasseroberfläche bis zur Wolke, zog sich eine hellere Ader,
Die so entstandenen Hosen wanderten langsam nordostwärts und lösten
sich nach etwa 5 bis 10 Minuten wieder auf, Die Auflösung ging folgender-
maßen vor sich: Nach völliger Ausbildung der Wasserhose senkte sich aus
ihrer Ursprungsstelle am Wolkenrande ein breiter Wolkenmantel über die Hose
herab; es war dies scheinbar das emporgehobene Wasser, das an den Seiten der
Hose als Regen wieder niederging (Fig. 2). Gleichzeitig stieg auch die Wasser-
wolke am Fuße der Hose höher. Hatte sich der Mantel auf etwa !/, bis !/, der
Hose herabgesenkt, so verjüngte sich diese an einer tiefer liegenden Stelle und
zerriß. Der obere Teil spitzte sich wieder zu und zog sich sehr schnell nach
dem Wolkenrande zurück, dagegen blieb der untere Arm mit der hellen Ader
noch minutenlang in dem Wassernebel sichtbar, wurde dünner und dünner und
verschwand schließlich. Bei zwei Hosen wurde auch ein auf ihrer ganzen Länge
gleichmäßiges Verschwinden beobachtet.
Sobald sich eine Wasserhose voll ausgebildet und die kritische Stelle, wo
die Bedingungen für ihre Bildung vorhanden waren, passiert hatte, entstand die
nächste in ähnlicher Weise. Im ganzen wurden sieben solcher Wasserhosen beob-
achtet, von denen zwei photographiert werden konnten. Nach der dritten Wasser-
hose ging in dem betreffenden Quadranten heftiger Regen nieder, der von starken
elektrischen Entladungen begleitet war.
Neuere Veröffentlichungen.
A. Besprechungen und ausführliche Inhaltsangaben.
Geh, Reg.-Rat Prof. Dr. Herm, Wagner: Lehrbuch der Geographie, I. Bd.
Allgemeine Geographie. 9. Aufl. 8°% IV, 1022 Seiten. Hannover und
Berlin 1912, Hahnsche Verlagshandlung, Preis 14 MX, geb. 16 MH.
Die rasche Folge der starken Auflagen dieses Musterwerkes spricht wohl genügend für die
hervorragende Brauchbarkeit desselben. Aber in dieser neuen Auflage besitzen wir einen so trefflichen
und zuverlässigen Führer durch alle Gebiete des so überaus reichen Inhalts der allgemeinen Geographie,
daß ihm eine andere Nation kaum etwas Gleichweıtiges an die Seite zu stellen vermag, und wir nicht
umhin können, auf den einen oder anderen der vielen Vorzüge näher einzugehen. Einer der größten
ist wohl die eindringende Kritik, die uns in allen, sowohl historischen als wie rein sachlichen Fragen
entgegentritt, und die uns Zeugnis ablegt von einer ganz staunenswert ausgedehnten Quellen- und
Literaturkenntnis des rühmlichst bekannten Gelehrten,
Auf eine wertvolle historisch-bibliographische Einleitung folgt (S. 30) — entgegen dem Stand-
punkt, der in S, Günthers Handbuch der mathematischen Geographie (1890, Stuttgart) vertreten
wird — eine Begründung dafür, daß heutzutage eine recht innige »Verknüpfung der Kartographie
mit dem ganzen System geographischer Wissenschaft mehr als je erforderlich iste. Dementsprechend
ist derselben in Buch I das ganze Kapitel IV mit über 70 Druckseiten gewilmet, Schon in früheren
Auflagen hat der Autor es beklagt, daß wir »schmerzlich eine Geschichte der Kartographie ver-
missen«. Diesen Mangel in unserer kartographischen Literatur hilft das Buch beheben, so gut es eben für
ein Lehrbuch geht, Jedenfalls muß Rezensent gestehen, aus dem Kapitel »Die geographische Karte«
mehr Nutzen gezogen zu haben, als aus manchem Leitfaden über Kartenprojektionen. Besonders den
Nautiker wird die nach der historischen Seite höchst bemerkenswerte Behandlung der Merkator-
projektion und die eingehende Würdigung von Breusings Buch: »Das Verebnen der Kugel-
Oberfläche« (Leipzig 1892) mit all seinen Vorzügen, Schwächen und Irrtümern schr interessieren, und
was den Längen- und Flächenmaßstab anbelangt, so sucht man vergeblich irgendwo anders
nach solchen klaren, zum Teil ganz originellen Darlegungen, wie sie uns in dieser neuen Auflage be-
gegnen. Sehr schätzbare Notizen findet man auch über jene mittelalterlichen italienischen Seckarten,
die als Portulane bezeichnet werden.
Schon frühere Auflagen lehrten in dem Teile über mathematische Geographie eine Methode,
die uns sonst noch nirgends begegnet ist: Die Anzahl der Tage zu bestimmen, während
welcher innerhalb der Polarkreıse die Mitternachtssonne sichtbar ist. Dazu bedarf es
nur der Kenntnis des Winkels x. um welchen sich die Schattengrenze auf dem Erdball gegen den