A. Defant: R. v. Sterneck, Über die Gezeiten im westlichen Mittelmeer, 199
noch eine Schwingungsart, die theoretisch durchaus möglich und die Lamb im
Lehrbuch der Hydrodynamik!) näher beschrieben hat. Ein kreisförmiges Becken
vollführt bei konstantem Wasserquantum in erster Art eine Schwingung, bei
der sich das Wasser im Innern des Beckens nach aufwärts, am Rande aber nach
abwärts bewegt und- umgekehrt, bei der also die Knotenlinie in sich selbst
zurückläuft, die Ränder des Beckens also nicht berührt. Die Knotenlinie ist im
Idealfalle der Rechnung ein konzentrischer Kreis. Bei Schwingungen höherer
Art kommen natürlich mehr Knotenlinien in der Form konzentrischer Kreise
vor. Für den Fall, daß die Tiefe des Beckens von der Mitte gegen den Rand
2
hin nach der Formel h= h4 ( 1— > abnimmt (hg die größte Tiefe im Zentrum,
a der Radius des Beckens, r die laufende Koordinate in der Richtung des
Radius), findet Lamb den Radius der Knotenlinie bei der Schwingung erster
Art zu 0.707 a.
v. Sterneck nimmt an, daß sich im westlichen Mittelmeer, in dem, wie
gezeigt, sich die Gezeiten bei fast konstantem Wasserquantum abspielen, eine
Schwingungsart dieser Form ausbilden muß. Lamb hat direkt nachgewiesen,
daß in einem kreisförmigen Becken die Gezeitenbewegung, welche von einer
gleichförmigen periodischen horizontal wirkenden Kraft erzeugt würde, oder
allgemein für den Fall, daß die Störungskraft ein Potential von der Form
Q = Crs cos s 0 cos (st -+ 6), besitzt, Schwingungen der oben beschriebenen Art
darstellt. Für den östlichen Teil des westlichen Mittelmeers kann man wohl
annehmen, daß der Einfluß von Mond und Sonne sich wohl darin äußern wird,
daß alle Wasserteilchen sozusagen gleichzeitig angezogen werden. Es müßte
dann eine gleichzeitige Hebung der ganzen Wasserfläche stattfinden. Da aber
bei einem ganz eingeschlossenen Meere dies nicht möglich ist, wird der zentrale
Teil des Wassers unter dem Einfluß von Mond und Sonne eine Hebung er-
Fahren, während in den Randpartien ein gleichzeitiges Zurückgehen des Wasser-
standes eintreten muß. Fällt die Knotenlinie dieser Schwingung bei einem Radius
von 0.707 a, so ist das Volumen der Wassermenge, die dem hebenden Einflusse
von Mond und Sonne nachgibt xhg SE die Wassermenge der zurücktretenden
Randpartien “7%, die dem Einfluß nachgebende Wassermenge wäre also dreimal
so groß, als seine der erzwungenen entgegengesetzten Bewegung an den Rändern.
Im größten Teil des westlichen Mittelmeerbeckens haben. alle Stationen
eine Hafenzeit nahe bei 9b; die zentralen Teile der Meeresbucht müßten bei
dieser Schwingungsform eine Hafenzeit von etwa 3% besitzen. Wir habe keine
Möglichkeit, die Hypothese zu prüfen; denn wir können die Hafenzeit im Innern
eines Meeres nicht bestimmen; doch drängen die Tatsachen dazu, eine solche
Schwingungsform anzunehmen. Bei der Annahme v. Sternecks zerfällt das
westliche Mittelmeer in drei Teile:
1. Das Tyrrhenische Meer mit einer in sich geschlossenen Knotenlinie, die
ungefähr der in obiger Figur eingezeichneten punktierten Linie entspricht.
2. Das Meer zwischen Corsica und Sardinien einerseits und den Balearen
anderseits, mit ebenfalls. einer in sich geschlossenen Knotenlinie in Form der
in der Figur eingezeichneten, Es ist nicht ausgeschlossen, daß diese zwei
Gebiete miteinander in Verbindung stehen,
3. Das Gebiet im äußersten Westen, zwischen Südspanien und Nordafrika
bis Gibraltar, das eine einfache Schaukelbewegung um die Knotenlinie Cap
de la Näo— algerische Küste ausführt, Die Gebiete knapp Östlich dieser
Knotenlinie dürften durch die Schaukelbewegung dieses Teiles noch beeinflußt
werden; vielleicht liegt darin der Grund, daß hier die Hafenzeit (8.2b) etwas
früher eintritt als weiter im Osten.
Es ist interessant, daß hier meines Wissens zum erstenmal die Schwin-
gungen kreisförmiger Becken zur Erklärung der Gezeiten eingeführt‘ werden;
es mag sogar manchen dieser Erklärungsversuch gekünstelt erscheinen; tat-
ı Lamb. Lehrbuch der Hydrodynamik. Deutsch von J. Friedel, 1907, S. 338.